Jan Gehls Überzeugung der „Stadt für Menschen“ wird heute international geschätzt. Das ungewöhnliche Taschenbuch der Danish Architectural Press würdigt den Urbanisten und sein Selbstverständnis von Städten auf eine sehr persönliche Art, nämlich mit seinen eigenen Geschichten.
Text: Sandra Hofmeister
Jan Gehl ist ein Menschenfreund. Der dänische Architekt und Stadtplaner ist heute 89 Jahre alt; seine Thesen werden international geschätzt und wahrgenommen. Endlich, denn das war nicht immer so! Als Pionier der „Stadt für den Menschen“ hat sich Gehl gegen das einflussreiche Konzept der autogerechten Stadt gestellt. Auch in Europa leiden viele Städte heute noch unter der naiven Autofaszination, die in den 60er- und 70er-Jahren oft mit der Kahlschlagmethode umgesetzt wurde. Statt lärmender und abgasbelasteter Verkehrsschneisen für PKWs propagierte Gehl lebendige öffentliche Räume, die Qualitäten für Fußgänger und Radfahrer bieten – als Orte der sozialen Interaktion und zum Verweilen. Kurze Wege ohne das Auto sind dabei entscheidend, weil sie den Alltag menschenfreundlich organisieren.
Urbane Lebensqualität
Die Lebensqualität, die Jan Gehl als Urbanist definiert, ist heute im Zeitalter der KPIs durchaus messbar: Wie lange verweilen Menschen auf einem Platz? Wie lange nutzen sie die Sitzmöglichkeiten im öffentlichen Raum? Wie viele soziale Kontakte haben sie dort und welche unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen nutzen den Raum? Die Ziele, die Gehl für die Planung der Stadt für die Menschen im Auge hatte, sollten heute für jeden Investor, jede Gemeinde und für jedes Stadtplanungsbüro gelten. Doch die Wirklichkeit sieht vielerorts leider anders aus.
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Pionier mit Fangemeinde
Als Pionier der Stadtplanung hat Gehl eine große internationale Fangemeinde. Das liegt auch daran, dass er über 250 Städte beraten hat, darunter Stockholm, Moskau und Sāo Paulo oder Singapur. Der Urbanist lehrte in Harvard und Berkeley, er war viele Jahre Professor an der Royal Danish Academy of Fine Arts in Kopenhagen und hat eine ganze Generation von Stadtplaner:innen und Architekt:innen beeinflusst. Sein Büro Gehl Architects nennt sich heute einfach nur Gehl und setzt seine Arbeit fort.
Gehls Thesen sind generationenübergreifend. Einige seiner früheren Partner:innen und Studierenden sind heute in einflussreichen Positionen. Camilla van Deurs, die das Buch „A Good City. The Short Story“ gemeinsam mit Jan Gehl verfasst hat, promovierte bei Gehl, war später Partnerin in seinem Büro und von 2014 bis 2019 city architect Kopenhagens. Heute ist sie Partnerin bei Nordic Office for Architecture.
Nordische Märchen
In ihrem Vorwort erinnert sie sich an die beliebten kurzweiligen Vorlesungen von Jan Gehl. Er nutzte Anekdoten und Geschichten aus seinem Alltag, um das Verständnis für das Zusammenspiel von urbanem Alltag und öffentlichem Raum zu schärfen. „Jans Geschichten sind wie nordische Märchen“, so Camilla van Deurs. Und da sie bisher nur mündlich überliefert waren, hat sie sich gemeinsam mit Jan Gehl selbst die Arbeit gemacht, sie zu verschriftlichen. „Es ist Zeit, die Geschichten zu drucken, sodass noch mehr Menschen sie genießen können“, meint van Deurs. Das mag zunächst eigenartig klingen: können Vorlesungen überhaupt „genossen“ werden? Bei der Lektüre der kurzen Anekdoten und Geschichten aus dem Leben der Familie Gehl, die dieses Buch auf 84 Seiten gemeinsam mit persönlichen Fotos aus dem Privatarchiv des Stadtplaners veröffentlicht, stellt sich aber genau dieser Effekt ein. „A Good City. The Short Story“ ist keine Fachliteratur für Stadtplanende, sondern eine spannende Sammlung von Alltagserinnerungen und Lebenserfahrungen, die anschaulich und ohne Fachsprache in kurzen Texten erzählt werden. „Literatur für den Menschen“, dachte ich bei der Lektüre. So spannend und einfach können Prinzipien der Stadtplanung erläutert werden, so eindrücklich sind sie im Alltag verankert!
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Anekdoten des Alltags
Da ist zum Beispiel die Geschichte der jungen Familie Gehl, die in den 70er-Jahren nach Toronto zieht und dort die Erfahrung macht, wie wichtig eine Veranda ist, um Nachbar:innen kennenzulernen – eine Community, in der die Gehls schnell aufgenommen werden. Oder die Dinner Clubs und das Orchester in Vanløse, einem Vorort von Kopenhagen, wo die Gehls später wohnten. Nach einem Brand der Kindertagesstätte mussten 60 Kinder von heute auf morgen privat betreut werden – aus diesem Notstand entstanden zahlreiche Nachbarschaftsinitiativen, die selbst 40 Jahre später noch lebendig sind wie das Nachbarschaftsorchester, in dem Gehl die Posaune spielte.
"Eine gute Stadt ist wie eine gute Party"
Persönliche Erfahrungen – etwa zum geplanten und zum ungeplanten Alltag – mischen sich in dieser Sammlung kurzer Beobachtungen aus dem Leben von Jan Gehl zu einer explosiven Mischung aus allgemein gültigen Beobachtungen des urbanen Alltags. „Something happens because something happens because something happens“ ist eines der Bonmots, die Jan Gehl aufgreift, und ein anderes “Walking can be much more than going for a walk”. „Eine gute Stadt ist wie eine gute Party”, so Gehl an anderer Stelle. „Die Menschen bleiben länger als geplant, weil sie sich wohlfühlen.“
Soziale Interaktion
Was sich in diesem ungewöhnlichen und unbedingt empfehlenswerten Taschenbuch verdichtet, sind Beobachtungen des Alltags, aber viel mehr sind als Erfahrungen im urbanen Raum. Denn sie zeigen die zentralen Grundsätze für die soziale Interaktion in der Stadt auf und damit die Basis für eine Lebensqualität, die allzu lange aus den Augen geraten war.
Camilla van Deurs and Jan Gehl, A Good City. The Short Story, Danish Archictural Press, 84 pages, paperback, Copenhagen 2025, ISBN 978-877-407-330-7
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