Nach Jahren intensiver Forschung und Restaurierung ist die Villa Beer in Wien-Hietzing für die Öffentlichkeit zugänglich. Ein neues Buch dokumentiert die außergewöhnliche Sanierung des denkmalgeschützten Hauses von Josef Frank und Oskar Wlach – der Band zeigt die raffinierten Details dieses Hauptwerks der Wiener Moderne.
Sandra Hofmeister
Hertha Hurnaus
Wiederbelebung der Ikone
Als Lothar Trierenberg die seit 2008 leerstehende Villa vor fünf Jahren erstmals betrat, wusste er nur wenig über ihre Geschichte. Doch die räumliche Kraft des Hauses beeindruckte ihn sofort. 2021 erwarb er das sanierungsbedürftige Gebäude, gründete die Villa Beer Foundation und entwickelte die Vision, das architektonische Schlüsselwerk Josef Franks wiederzubeleben. Seit März ist die Villa öffentlich zugänglich; neben Führungen sind Symposien, Workshops und kulturelle Veranstaltungen geplant. Drei Gästezimmer unter dem Dach können gemietet werden.
Steohan Huger
Wohnen im Grünen
Josef Frank und Oskar Wlach entwarfen das Haus samt Garten und Einrichtung für den Wiener Gummifabrikanten Julius Beer und seine Frau Margarethe. 1930 zog die Familie ein. Mit über 600 Quadratmetern Wohnfläche, großen Fensterflächen, Balkonen, Terrassen, Garage und Speiseaufzug verband die Villa technische Raffinesse mit einer neuen Idee des Wohnens: offen, beweglich und undogmatisch. Geschosse und Zwischengeschosse bilden eine Abfolge unterschiedlicher Raumhöhen und Blickachsen, die Innenraum und Garten eng miteinander verknüpfen.
Julius Scherb
Jüdisches Schicksaal
Die Geschichte des Hauses ist untrennbar mit dem Schicksal seiner jüdischen Bauherrenfamilie verbunden. Schon ab 1932 musste die Familie Räume untervermieten, später wurde das Haus verkauft. Julius und Margarethe Beer flohen 1940 mit ihrem Sohn Hans in die USA. Ihre Tochter Elisabeth, die in Wien zurückblieb, wurde deportiert und ermordet. Die Villa Beer ist daher nicht nur ein architektonisches Denkmal, sondern auch ein Erinnerungsort.
Stephan Huger
Größtmögliche Genauigkeit
Die nun erschienene Publikation zeichnet die komplexe Restaurierung nach. Ziel war es, den ursprünglichen Charakter von 1930 mit größtmöglicher Genauigkeit wiederherzustellen und zugleich eine zeitgemäße Nutzung zu ermöglichen. Lothar Trierenberg und Architekt Christian Prasser von cp-architektur steuerten den mehrjährigen Prozess in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt, Restauratorinnen, Experten und Handwerksbetrieben. Die restauratorischen Untersuchungen leitete Alexandra Sagmeister.
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Hertha Hurnaus
Authentizität und Gegenwart
Viele Eingriffe zeigen, wie aufwendig die Balance zwischen Authentizität und Gegenwart war. Der Keller erhielt neue Fundamente, die Bodenplatte wurde erneuert. Das historische Heizsystem konnte auf Wärmepumpen mit Geothermie und Photovoltaik umgestellt werden, wobei die instandgesetzten originalen Gusseisenradiatoren erhalten blieben. Auch die neue Gebäudeautomation folgt weitgehend der ursprünglichen Leitungsführung, um Eingriffe in die Bausubstanz zu minimieren.
Handversiebt
Besondere Aufmerksamkeit galt der Fassade. Um dem originalen Erscheinungsbild möglichst nahe zu kommen, wurde für den feinen Putz Sand vor Ort von Hand versiebt. Auch die später erhöhte Attika wurde auf ihre ursprüngliche Höhe zurückgeführt, sodass die Proportionen wieder dem Entwurf von Frank und Wlach entsprechen.
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Hertha Hurnaus
Naturkautschuk
Für die Atmosphäre der Innenräume sind die filigranen Metallfenster entscheidend. 43 Fenster mit 250 Flügeln und 750 Messingscharnieren wurden von Lack und Rost befreit und instandgesetzt. Wo historische Verglasungen nicht erhalten waren, kamen maßgefertigte Lösungen zum Einsatz. Auch Parkettböden, Fensterbänke und der charakteristische hellgrüne Naturkautschukboden wurden sorgfältig restauriert oder behutsam ergänzt.
Das Buch zeigt die Villa Beer als gebaute Idee modernen Wohnens: als Abfolge von Wegen, Plätzen, Blicken und Übergängen. Nach der Sanierung wird erfahrbar, was Josef Frank in seinem Denken über Architektur formulierte – ein Haus, das nicht dogmatisch modern sein will, sondern lebendig, offen und organisch gewachsen wirkt.
Villa Beer
Villa Beer Foundation (Hg.)
96 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Wien 2026
ISBN 978-3-200-10810-3
Englische Ausgabe: ISBN 978-3-200-10999-5
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