Für Manfred und Laurids Ortner ist Kunst ein konstituierender Bestandteil von Architektur. Die neue Monografie von O&O Baukunst bei Hatje Cantz zeigt, was das bedeutet.
Isabella Marboe, genau!
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O&O Baukunst. 2012-2024, Texte: O&O, Vorwort: Patricia Grzonka, Design: Heimann & Schwantes, 328 Seiten, Hatje Cantz, Berlin, 2025, ISBN:978-3-7757-6135-2 → jetzt bestellen
Büromonografien sind ein Kapitel für sich, die Ansprüche sind hoch, die Fragestellungen vielfältig. Welche Zeitspanne ist angemessen für die Dokumentation im Buch? Welches Papier, welcher Druck, welche Bindung passen zum Selbstverständnis und fast noch wesentlicher: Was kostet die Herstellung des Buchs?
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Wohnhaus Leyserstraße Wien, © David Schreyer
Klassische Qualitäten
O&O Baukunst ist ein internationales Büro, dem es gelungen ist, sich selbst in einer zunehmend spekulationsgetriebenen Branche treu zu bleiben und durchwegs wertige Architektur mit Niveau zu realisieren. Ihre Architektur besticht mit klassischen Qualitäten wie einer gekonnten städtebaulichen Setzung, der Komposition von Volumina, stimmigen Proportionen, räumlicher Komplexität, dem Wissen um Lichteinfall, Schattenwirkung und Materialwahl. Heute wird das Büro von den drei Architekten Roland Duder, Florian Matzker und Markus Penell geführt. Es setzt Kultur-, Büro-, Wohn-, Geschäfts- und öffentlicher Bauten unterschiedlichster Größenordnungen um. Derzeit hat O&O Baukunst rund 50 Mitarbeitende in Berlin und Wien.
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Geisberg Berlin, © Schnepp Renou
Von Haus-Rucker-Co zu O&O
Die beiden Bürogründer, das Bruderpaar Manfred und Laurids Ortner, zählen zu den schillerndsten Figuren der jüngeren Architekturgeschichte. Unter dem Label Haus-Rucker-Co hatten sie gemeinsam mit Günter Zamp Kelp und Klaus Pinter von den späten 1960er-Jahren bis 1992 mit viel erfrischend humorvollem Aktionismus an den Grundfesten eines etablierten Architekturbegriffs gerüttelt. In retrospektiv visionär anmutenden Installationen haben sie schon damals bis heute relevante Themen wie die ständige Erweiterung des menschlichen Bewusstseins, Luftverschmutzung, Ökologie, Flexibilität angeschnitten und damit ganz nebenbei auch eine veritable internationale Künstlerkarriere hingelegt.
Museumsquartier Libelle Wien, © DroneProject Robert Smely / O&O Baukunst
Kunst und Architektur
Im Jahr 1987 gründeten sie eigenständige Architekturbüros, ihrer konzeptionellen Grundhaltung blieben sie treu. Auch ihre gebauten Projekte wurden kontinuierlich im Wechselspiel von Kunst und Architektur entwickelt. Wien hat ihnen das Museumsquartier (2001) zu verdanken, dessen ursprünglicher Entwurf mit Leseturm damals amassiv angegriffen wurde. Letzten Endes fiel er, Ortner & Ortner setzten die drei Kunstbauten – den klassisch anmutenden Kalksteinkubus des Leopold-Museums, die mit Manfred Wehdorn entwickelte Kunsthalle und das dunkle MUMOK – wie Gemmen in den Rahmen der einstigen kaiserlichen Hofstallungen. 2020 ließen O&O Baukunst einen sehr leichtfüßigen, eleganten Pavillon wie eine Libelle auf dem Flachdach des Leopold landen. Laurids Ortner hat das amöboid geformte Gebäude, das Brigitte Kowanz mit drei Lichtkreisen krönte, entworfen. Die Fassade gestaltete Eva Schlegel, mit einem Stempellift kann man auf die Terrasse hinauffahren, ohne etwas konsumieren zu müssen. Bemerkenswertes Detail am Rande: Das Leopold Museum steht bereits unter Denkmalschutz, O&O Baukunst fügten also ihrem eigenen, denkmalgeschützten Werk ein neues hinzu. Die Libelle ist eine der 31 Realisierungen der Jahre 2012 bis 2024, die in der Monografie vertreten sind.
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Hochschule für Schauspielkunst, Ernst Busch Berlin, © Schnepp Renou
Understatement
Dem Buch liegt die Entscheidung zugrunde, alle ausgeführten Gebäude der letzten Jahre vollständig und ungefiltert aufzunehmen, schreibt Patricia Grzonka in ihrem Vorwort. Wettbewerbe und Entwurfsskizzen sind bewusst ausgeklammert, die fertigen Projekte stehen für sich. „Diese mehr als zehn Jahre erzählen die Geschichte der Transformation eines ambitionierten und engagierten Architekturbüros zu einem transnational agierenden Unternehmen, zu dessen Kernbereichen es gehört, beeindruckende großmaßstäbliche Bauprojekte auszuführen.“
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Hotel am Kanzleramt Berlin, © Stefan Müller
Getreidespeicher in Duisburg
Eines der eindrucksvollsten Projekte ist das Landesarchiv Nordrhein-Westfahlen in Duisburg, ein ikonisches Gebäude von seltener Radikalität. Es befindet sich in einem denkmalgeschützten Getreidespeicher aus den 1930er-Jahren, aus dessen Mitte O&O einen 76 Meter hohen Archivturm wachsen ließen. Ein Archiv braucht kein Licht, deshalb hat der Turm – er ist aus rotem Backstein gemauert – keine Fenster. Mit seinem satteldachförmigen Abschluss zitiert er die Dächer des Bestands und den Archetypus eines Hauses.
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Wohnhochhaus Schwedler Carré Frankfurt, © Marcus Bredt
Die Methode der Collage
„Collagieren ist eine künstlerische Methode, die etwas mit künstlerischer Radikalität zu tun hat und die auch weh tun kann“, erklärt Roland Duda den Entwurfsprozess. An der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin scheint er sich besonders deutlich zu zeigen. Ein ertüchtigter Altbau wurde hier stirnseitig aufgeschnitten, um dem holzverkleideten, 24 Meter hohen Bühnenturm eine Andockstelle zu schaffen. Gegenüber schob man eine gläserne Mensa-Schachtel an den Bestand. Das Zusammentreffen von Rohem und Verfeinertem, Altem und Neuem zeigt sich an einer Linie, die in 2,30 Meter Höhe durch das gesamte Gebäude verläuft. Alle Oberflächen darunter sind verfeinert, alle darüber verblieben roh.
Dieser Text von Isabella Marboe erschien erstmals bei unserem Kooperationspartner genau !
O&O Baukunst. 2012-2024,
Texte: O&O, Vorwort: Patricia Grzonka
Design: Heimann & Schwantes
328 Seiten, Hardcover, 250 x 330 mm
Hatje Cantz, Berlin, 2025
ISBN:978-3-7757-6135-2
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