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Siedlung Claudius-Keller-Straße, München, Baujahr 1950, Foto: Michael Heinrich

 

Wertschätzung für den Bestand: Der Birkhäuser-Band Einfach Umbauen dokumentiert Konzepte für das einfache Umbauen von drei repräsentativen Modellgebäuden in München. Die Technik auf ein Minimum beschränkt und die Reduktion des Energiebedarfs im Blick, wurden in dem Forschungsprojekt konkrete Sanierungsstrategien untersucht. 

Wolfgang Bachmann

 

Einfach Umbauen. Ein Leitfaden, hg. v. Florian Nagler, Tilmann Jarmer und Anne Niemann, 128 Seiten, Birkhäuser, Berlin 2026 → jetzt bestellen 

Nachdem das Autor:innenenteam vor zwei Jahren den Band Einfach Bauen II herausgegeben hat, könnte ein Spaßvogel überlegen, ob nach Einfach Umbauen anschließend Nicht mehr bauen erscheinen wird. Denn wenn man Sanieren und die Wertschätzung des Bestands in den Mittelpunkt stellt, könnte – zumal bei sinkenden Geburtenraten – ein gänzlicher Verzicht nicht abwegig sein. Aber noch geht es nicht ums Verweigern, sondern um „die konkret verfügbaren Optionen der Energieversorgung, dir Grauen Emissionen der Baumaßnahmen sowie das Nutzerverhalten“. Kurz: um alles!

 

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Ergebnisse des Repräsentanten der Baualtersklasse 3 (BAK 03; 1969–1977), Bilanz für alle untersuchten Maßnahmen nach 25 Jahren (TUM)

Zeichnungen, Systemgrafiken, Diagramme

Fangen wir mit Äußerlichkeiten an. Das Buch ist in halbfetter Groteskschrift gesetzt, das wirkt affirmativ und ergebnisorientiert, daneben bleibt genügend Weißraum, damit man sich nicht gleich erschlagen fühlt; außer den Gebäudefotos begleiten zahllose Zeichnungen (Schnitte, Systemgrafiken) und Diagramme die Lektüre. Man spürt die didaktische Ambition für Studierende und Baubeflissene, die sich in der Ordnung wiedererkennen werden.

 

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Eingang Siedlung Isareckstraße, München, Baujahr 1966, Foto: Michael Heinrich

Lebenszyklen des Bestands

Dokumentiert wird ein Forschungsprojekt. Zunächst geht es um die Untersuchung von repräsentativen Mehrfamilien-Wohngebäuden in München, die zwischen 1950 und 1984 fertiggestellt wurden und hinsichtlich möglicher energetischer Sanierungsoptionen diskutiert werden. Die hübschen Diagramme als „Lebenszyklusbetrachtung im Jahr 2050“ (einmal heißt es „Lebenszykluskostenrechnung“?) sind allerdings ohne Lesehilfe nicht zu verstehen. Sie sollen einen Zusammenhang zwischen Kosten und Treibhausgasreduktion nach unterschiedlichen Sanierungsleistungen herstellen, außerdem einen Vergleich zu dem ältesten der untersuchten Gebäude. Ich habe die kryptischen Schaubilder durchaus studiert, mit heißem Bemüh‘n, damit lässt sich eine qualitative Ahnung erzeugen, aber in erster Linie sehe ich darin einen Beleg, dass die Autoren irgendetwas bearbeitet haben.

 

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Siedlung Lindenring, München, Baujahr 1971, Foto: Michael Heinrich

Merksätze

Immerhin tragen sie ihre Ergebnisse in Sätzen zusammen. Zwei Beispiele: „Je besser der ursprüngliche Zustand eines Gebäudes, desto geringer der Nutzen weiterer Dämmmaßnahmen…“ Oder: „Aufgrund der Kubatur des Hochhauses sind die Einsparungen bei einer Dämmung von Kellerdecke und Dach vergleichsweise gering.“ Ich will nicht überheblich sein, aber das hätte ich auch ohne Teilnahme an dem Forschungsprojekt vorhersagen können. Es folgen weitere dieser leicht fasslichen Merksätze.

 

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Claudius-Keller-Straße, München, Baujahr 1950, Foto: Michael Heinrich

Energieeinsparen und Rebound-Effekt

Nach der Untersuchung der Münchner Häuser entwickelte die TU München zusammen mit einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft in Heidelberg ein Pilotprojekt anhand von sieben Zeilenbauten aus dem Jahr 1956. Bei diesen identischen Häusern ließen sich nebeneinander verschiedene Sanierungsstrategien verfolgen und bewerten. Sie reichten vom Glastausch in den Fenstern und der Dämmung der Kellerdecke bis zum KfW55-Haus. Es zeigte sich, dass Energieeinsparung und CO2-Vermeidungskosten nicht parallel laufen, dass also das maximal Erreichbare unwirtschaftliche Investitionen verlangt. Auch das Verhalten der Bewohner:innen hat Einfluss auf die Energiebilanz und nicht zuletzt der sogenannte Rebound-Effekt, also ein unerwünschter Rückschlag beim Betrieb – gerade, weil etwas so gut funktioniert.

Technische Einfachheit

Sieht man sich das Vorwort, das Fazit und die Handlungsempfehlungen des Teams um Florian Nagler an, gewinnt man den Eindruck, dass ihnen das Ergebnis ihrer Untersuchung nicht unsympathisch ist. Sie plädieren nicht dafür, ein Haus total mit Polystyrol einzupacken, sondern alle Maßnahmen auf die Typologie und im Einzelfall abzustimmen, also „über eine kluge, differenzierte und vor allem wirtschaftlich sinnvolle Strategie“. Ein Heizungstausch könnte am Anfang stehen, darüber hinaus schneiden Hochleistungssanierungen als ökonomisch ineffektiv und sozial problematisch ab. Die technische Einfachheit des Bestands sollte der Maßstab sein. Auch die mütterliche Empfehlung für einen „Pullover statt eines höheren Thermostatwerts“ fehlt nicht.

Eine Aufforderung

Ob das Buch nun ein „Leitfaden“ ist, wie es im Untertitel steht, darf man bezweifeln. Darunter verstünde man eine Spielregel für offene Partien: „Würfle eine Sechs, gehe nicht über Los und rücke drei Felder vor“. Also eine Arbeitsanleitung mit Checkliste, wenn ein neues Projekt startet. Aber hier ist bereits alles passiert, es ist ein bewerteter Rückblick über eine Leistung, die man anhand dieses Buchs bei einem konkreten Auftrag nicht wiederholen wird. Zumindest sollte man honorieren: Gut, dass es einmal zusammengefasst wurde! Einfach Umbauen – man kann es nicht nur als bewertete Tätigkeit, sondern als Aufforderung lesen: Einfach (lieber) umbauen!

 

Einfach Umbauen. Ein Leitfaden
hg. v. Florian Nagler, Tilmann Jarmer und Anne Niemann
128 Seiten, 50 Abbildungen, 80 Tabellen, 22 x 28 cm
Birkhäuser, Berlin 2026
ISBN 978305631029

 

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