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Wie interpretiert der britische Designer die Welt der Dinge? Statt einer aufgeblasenen Leistungsschau blickt Jasper Morrison in dieser erweiterten und neu aufgelegten Monografie auf die Normalität des Alltags und seine Gegenstände.

Sandra Hofmeister

Vor rund 10 Jahren Jasper Morrisons Monografie A Book of Things zum ersten Mal bei Lars Müller Publishers erschienen und erschien kürzlich in überarbeiteter Fassung. Das Buch ist mehr als ein Werkverzeichnis des heute 65-jährigen britischen Möbel- und Produktdesigners. Die 312-Seiten fassende Klappenproschur ist ein persönliches Bekenntnis zur Welt der Dinge und offenbart Jasper Morrisons Selbstverständnis – den Respekt, die Sorgfalt und die Überlegungen des Designers zu Alltagsgegenständen.

Archetypen

Eine der Eigenarten dieses kompakten Bandes ist, dass es kein Inhaltsverzeichnis gibt. Die Lektüre beginnt stattdessen mit einem Zitat des Schweizer Psychiaters C. G. Jung: „Kein Archetypus läßt sich auf eine einfache Formel bringen. Er ist ein Gefäß, das man nie leeren und nie füllen kann. …Er beharrt durch die Jahrtausende und verlangt doch immer neue Deutung.“ Mit der Idee des Archetypus ist der Tenor im Gestaltungskosmos von Jasper Morrison gesetzt. Es geht dem Briten nicht um exaltierte Formen und auch nicht um technologische Erfindungen. Vielmehr stellt er seine Idee der Gestaltung in den Dienst der Nutzerinnen und Nutzer, die intuitiv bedienen und deshalb zu Urtypen tendieren. Doch das Archaische und Selbstverständliche, das Morrison sucht, ist interpretationsbedürftig. Es braucht neue Deutungen, und genau an diesem Punkt setzten der Gestaltungsethos und das Selbstverständnis des Designers an.

Gegenstände für den Alltag

Morrison hat Fahrräder und Waschmaschinen, Weingläser und Wasserkocher, Sofas und Telefone oder Taschenrechner gestaltet – und natürlich viele Stühle und andere Möbel. Das „perfekt Unprätentiöse“ steht stets in seinem Fokus – Design für den täglichen Gebrauch und Entwürfe, die ihren Nutzer:innen im Alltag helfen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. In kurzen persönlichen Texten beschreibt Jasper Morrison diese Entwurfshaltung, beispielsweise am Beispiel der Trinkglas-Familie für den täglichen Gebrauch, die er 2007 für Alessi entwickelte. Ein Urtypus von einem Weinglas und einem Wasserglas – klassisch und unprätentiös, als ob sie schon immer dagewesen wären.

Geschichten und Projekte

Fundstücke aus dem Trödelladen, Beobachtungen zu allgemeingültigen Typologien wie dem Frankfurter Stuhl und seinen Variationen in der Schweiz und in Österreich stehen im Zentrum der persönlich gehaltenen kurzen Texte. Manchmal sind die Geschichten zu den einzelnen Entwürfen auch mit einem konkreten Auftrag erklärt. Für das Maruni-Sofa „Lightwood“ ist die Kernaussage des Briefings an den Designer in knappen Sätzen zusammengefasst: ein leichtes Sofa mit Holzrahmen, das modular sein soll und als flat pack verschickt werden kann.

Projekte

Neben einzelnen Objekten sind auch Ausstellungen und Veröffentlichungen für Jasper Morrison Projekte, die er in dieses Buch aufgenommen hat. Dazu zählen mehrere Bücher und Texte, die in der Domus und in anderen Zeitschriften publiziert hat. Interiors wie das der Can Pa Bakery auf Mallorca (2024) oder der kleine Holzbau der öffentlichen Toilette in Tokio runden Jasper Morrisons Kosmos der Archetypen ab, auch seine berühmten Möbelentwürfe für Vitra, Emeco oder Magis fehlen nicht.

Super normal

Für die Axis Gallery in Tokio entstand 2007 in Kooperation mit dem japanischen Gestalter Naoto Fukasawa die Ausstellung „Super Normal“ – eine Kollektion an diskreten Alltagsgegenständen, viele von ihnen in anonymem Design, die als unverzichtbare, langlebige Alltagshelfer gelten können. Der Espressokocher von Bialetti, gut proportionierte Wassergläser in Massenproduktion… Anstelle der bekannten Handschrift eines oder einer Designerin, konzentrierte sich die Ausstellung auf eine selbstverständliche Familiarität für die Nutzer:innen – supernormal eben. Instinktive und unbewusst im Gebrauch – wie eine Heftklammer oder ein Bic-Feuerzeug. Die Welt der supernormalen Dinge ist eine Welt der vielgenutzten Archetypen, die ohne überdrehten Designanspruch guten Standard liefern. Genau diese Welt des „Normalen“ ist die Welt von Jasper Morrison. „Why do so many designs fail to pass the everyday test? Why is Normal disappearing, and when it’s gone, how do we replace it?” fragen sich Jasper Morrison und Naoto Fukasawa in der Publikation zur Ausstellung.

A Book of Things

Das Buch selbst in der ersten Auflage ist ebenso Teil der Projektgalerie, die in der neuen Auflage erläutert sind. Das ist nur konsequent, denn der Band entspricht der Haltung von Jasper Morrison recht gut: Es trumpft nicht auf, schreit seine Leser:innen nicht an, möchte nicht angeben, sondern gibt sich ganz normal und setzt dabei gute Buch-Standards. Das Format der Klappenbroschur ist handlich und überschaubar, die Texte knapp und nicht hochgestochen, die Projekte werden mit wenigen Fotos und Skizzen eingehend verständlich gemacht. Alles in allem ist A Book of Things ein supernormales Buch. Es legt damit eine Qualität vor, die heute ganz und gar nicht selbstverständlich ist.

Jasper Morrison
A Book of Things
Design: Jasper Morrison with Lars Müller Publishers
17 × 23 cm
312 pages, 397 illustrations
paperback
revised and extended edition,
Lars Müller Publishers, Zurich 2025,
ISBN 978-3-03778-770-0

Type Title Publisher Year

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Dr. Sandra Hofmeister
Herausgeberin

Veterinärstr. 9
80539 München
Deutschland


Calle Gian Battista Tiepolo
Castello 609
30122 Venezia
Italia

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