Günther Domenig inszenierte sich gern als heroischer Einzelkämpfer. Doch auch seine Architektur kennt Referenzen. Wir Günther Domenig. Korrekturen einer Legende zeichnet ein vielschichtiges Bild dieses außergewöhnlichen Architekten und auch all jener, die sein Werk möglich machten.
Isabella Marboe, genau!
![]()
Wir Günther Domenig. Korrekturen einer Legende, Wolfdieter Dreibholz, Michael Zinganel (Hgg.), Park Books, Zürich 2025 → jetzt bestellen
Geniekult
Günther Domenig war eine künstlerische Ausnahmeerscheinung. Ein kleingewachsener, zarter, Mann, durchdrungen von Sendungsbewusstsein, stets auf der Suche nach der einzig wahren architektonischen Antwort auf einen Ort. An seinem opus magnum – dem Steinhaus in Steindorf am Ossiacher See – arbeitete er sich fünfundzwanzig Jahre lang obsessiv ab. Dieses zerklüftete, skulpturale Gebäude aus Sichtbeton, Glas und Stahl, in dem sich unterschiedlichste Volumina effektvoll durchdringen, ist gleichermaßen sein Vermächtnis.
![]()
Pavillon Olympia-Schwimmhalle München, 1970−1972, Fotograf:in: unbekannt, Architekturzentrum Wien, Sammlung
Multiple Energiespeisung
Das Cover zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto von Dietmar Tanterl: „Multiple Energieeinspeisung“. Domenigs Kopf bei einer Gehirnstrommessung. Am Rand des Bildes stehen insgesamt 52 Namen untereinander in einer Spalte. Vom Künstlerarchitekten Raimund Abraham – einem Bruder im Geiste – bis zu Gerald Zugmann, dessen Fotos das Steinhaus von Günther Domenig erst zum Fixstern im kollektiven Bildgedächtnis der Architekturszene machten. Auch die Herausgeber Wolfdietrich Dreibholz und Michael Zinganel sind darunter. Ihre Zeitzeugenschaft trägt wesentlich zum faszinierenden Sog bei, den das Buch entwickelt. Denn es taucht tief in das Universum Günther Domenigs ein, das von unglaublichen geometrischen Strukturen, expressiv auskragenden Konstruktionen und Skizzen bevölkert ist, die atemberaubende Raumfolgen vorstellbar machen. Domenig war in der Lage, komplexe architektonische Gebilde zu erfinden, zu konstruieren und in einem unverwechselbaren Stil aufzuzeichnen. Sein Werk ist vielschichtig, seine Formensprache changiert zwischen organischen, expressiven und brutalistischen Ansätzen, kennt aber auch strukturalistische Tendenzen. Die faszinierende, wachstumsoffene Megastruktur der Stadt Ragnitz, die er mit Eilfried Huth entwarf, wurde bei einem internationalen Wettbewerb in Cannes mit dem Grand Prix d’Urbanisme et Architecture ausgezeichnet.
![]()
Außenaufnahme des fertiggestellten Projektes, 1982, Architekturzentrum Wien, Sammlung © Foto: Margherita Spiluttini
Gebautes Manifest
Wer nach dem Absoluten strebt, muss zwangsläufig scheitern. Doch auf dem Weg dorthin schenkte Domenig sich und der Welt einige Meisterwerke. Eine singuläre Ausnahme bildet das Steinhaus. „Es wurde kein Raumprogramm vorgegeben, kein Kostenrahmen und kein Fertigstellungstermin. Es ist das einzige gebaute Projekt, das ausschließlich auf einer von Domenig selbst erfundenen Genese basiert“, schreibt Michael Zinganel in seinem Vorwort. „Es gilt als Manifest seines ständigen Ringens mit dem Überanspruch an sich selbst und an seine Architektur.“
![]()
Entwurfszeichnung Innenraum, Zeichnung: Verfasser:in unbekannt, Architekturzentrum Wien, Sammlung
Gebäude und Menschen
Das besonders Faszinierende an diesem Buch ist, dass es Domenigs Projekte mit den Menschen verknüpft, die daran maßgeblich beteiligt waren. In chronologischer Folge entrollt sich hier seine Entwicklung. Das erste Projekt, die Kirche St. Martin, die er gemeinsam mit Fritz Lorenz entworfen hatte, kam auf Initiative seiner Mutter zustande. Anlass genug, sie als erste auf einer eigenen Seite zu porträtieren. Die Kirche wurde nie gebaut, aber von Eilfried Huth mit seinem Ziviltechnikerstempel legitimiert. Der Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit, der unter anderem das katholische Kirchengemeindezentrum Oberwart, die strukturalistische Stadt Ragnitz und der fast schon prototypisch organische Mehrzwecksaal der Schulschwestern in Graz-Eggenberg zu verdanken ist. Dieser ist mit einem schönen handgezeichneten isometrischen Schaubild von Joe W. Kolleger, einem faszinierenden Foto vom Bau der Schalung für den Spritzbeton sowie einer Gesamtansicht und mehreren Detailaufnahmen dokumentiert. Deren Formensprache erinnert an Rippen, Haut und Knochen.
![]()
Bausatz für den Nachbau des Strukturmodells der Stadt Ragnitz von Peter Kaschnig © Fotos: Paul Ott, 2022
Hommage an die Akteur:innen
Volker Giencke war dessen Projektleiter, aber auch maßgeblich an der Realisierung der Zentralsparkasse Favoriten beteiligt. In diesen Bau mit der markanten Schuppenfassade, die sich wie ein Maul über dem Eingang aufwölbt, setzte sich Domenig selbst mit dem riesigen Betonabguss seiner Hand als Rohrabdeckung ein vom Bauherrn nicht autorisiertes Denkmal. Karl Vak hieß dieser – und er ist der Nächste, der hier vorgestellt wird. Ihm folgt die Firma Metallbau Lenhardt und Heidenbauer. Sie fertigte die spektakulär gekrümmte Fassade aus Nirosta-Elementen. So funktioniert dieses Buch: Von Seite zu Seite legt es weitere Verknüpfungen des „imaginären Netzwerks“ rund um Günther Domenig frei. Es ist eine Hommage an die vielen Akteur:innen im Hintergrund und zugleich das Sittenbild einer Epoche, die längst vergangen ist.
Dieser Text von Isabella Marboe erschien erstmals bei unserem Kooperationspartner genau!
Wir Günther Domenig. Korrekturen einer Legende
Wolfdieter Dreibholz, Michael Zinganel (Hgg.)
Broschiert, 240 Seiten
16 x 24 cm, 78 farbige und 92 s/w-Abbildungen
Park Books, Zürich 2025
ISBN 978-3-03860-454-9