Die Bauten und Entwürfe von Alvar, Aino und Elissa Aalto sind gut erforscht, trotzdem gibt es Lücken. Der neue Band Aalto and Nature bei Birkhäuser untersucht Inspirationsquellen für das Natur- und Landschaftkonzept – auf eine sehr konventionelle Art.
Sandra Hofmeister
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Aatlo and Nature, Tom Simons, Rainer Knapas (edd.), 184 pages, 20 x 28,5 cm, hardcover, Birkhäuser, Basel 2026 → jetzt bestellen
Sohn des Waldes
War der junge Alvar Aalto ein Sohn des Waldes? Wann hat er die mediterrane Landschaft und wann den islamischen Garten kennengelernt? Inwiefern hat dies seine Entwürfe beeinflusst? All diese Fragen werden in Aalto and Nature aufgegriffen. Die in den Essays Autor:innen konzentrieren sich auf Phasen im Leben des Architekten (1898–1976), auf seine Reisen und auf die Rolle der Natur in den Ausstellungsgestaltungen von Studio Aalto. Anhaltspunkte bieten neben biografischen Daten auch viele historische Quellen: Auszüge aus dem Herbarium, das Alvar Aalto im Sommer 1911 anlegte – damals war er 13 Jahre alt – , Zeichnungen, die während seiner Hochzeitsreisemit Aino Aalto 1924 in Italien entstanden, oder Fotografien von Moscheen im Irak und im Iran aus den 1950er-Jahren. Das gesamte klassische Inventar an Inspirationsquellen ist in diesem Band, der von Tom Simons und Rainer Knapas herausgegeben wurde, weit gespannt. Auch Vorbilder wie Gunnar Asplund oder Le Corbusier und der Garten in der englischen Arts-and-Crafts-Bewegung sind mit dabei.
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© Elina Brotherus
Im Sanatorium
Einzelne Projekte werden mit Blick auf ihre Landschaftsarchitektur erläutert, zum Beispiel die Villa Mairea in Noormarkku, die Maison Louis Carré außerhalb von Paris und natürlich auch das Sanatorium inmitten der Kiefernwälder von Paimio im Südwesten Finnlands. Hier gestaltete Studio Aalto Wege, die sich durch den Wald schlängeln und zur Heilung der tuberkulosekranken Patient:innen dienen sollten – die Natur als segensreiche Heilerin, im Fall von TBC war das eine Fehleinschätzung. Dass auch Aino Aalto am Entwurf des Paimio-Sanatoriums beteiligt war, ist für die Autor:innen in Aalto and Nature unwichtig. Überhaupt ist die Architektin, ab 1924 seine Ehefrau und bis zu ihrem frühen Tod eine tatenreiche Partnerin im Studio Aalto, in diesem Buch zur Reisebegleiterin degradiert. Auch die zweite Ehefrau Elissa Aalto, die nach dem Tod ihres Mannes 1976 das gemeinsame Architekturbüro fast zwei Jahrzehnte erfolgreich weiterführte, wird kaum einbezogen. Es geht den Herausgebern nach alter Schule um den Meister Alvar Aalto – und letztlich um sein Genie. Eine Perspektive, die wir schon längst hinter und gelassen haben.
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© Elina Brotherus
Skizzen und Erinnerungen
Doch die Skizzen von Alvar Aalto bleiben ein Genuss: San Gimignano, Assisi, Zypressen in Marokko, das Löwentor des antiken Mykene. Vilhelm Helander zieht die Reisen des Architekten und seiner Begleiterinnen als Hintergrundfolie für Ideen und Entwürfe heran, die im Dialog mit ihnen standen, jedoch keine direkte Verbindung aufweisen. Dass die Natur und ihr Verständnis zur Zeit von Aalto ein Konstrukt sein könnten, das kulturell bedingt ist und kritisch betrachtet werden kann – ähnlich wie übrigens die grundsätzliche Rolle vieler Ehefrauen von berühmten Architekten und Künstlern –, ist für den Essay des kürzlich verstorbenen Architekturhistorikers irrelevant.
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© Elina Brotherus
Fotos von Elina Brotherus
Fotostrecken von Elina Brotherus lockern die Texte in diesem Buch auf: finnische Landschaften, die Natur in Aaltos Architektur, die Tempel in Selinunt und Agrigent auf Sizilien. Mit Rückenfiguren wie in den Gemälden von Caspar David Friedrich und Detailbeobachtungen wie dem Blick in die Winterlandschaft durch die Fenster im Paimio-Sanatorium machen die Aufnahmen der finnischen Fotografin deutlich, dass es hier nicht um die Natur an sich geht, sondern um ihre Wahrnehmung. Auch Architektur kann die Rezeption von Landschaften lenken, sie inszeniert die Natur und konstruiert ihr Bild.
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© Elina Brotherus
Epilog
Rainer Knapas resümiert seine Grundhaltung als Herausgeber im Epilog zu diesem: „… behind architecture and art lies nature. The artist’s task is, like Aalto’s, to unite art and nature into a synthesis – into landscape-architecture.“ Es wäre schön, wenn das mit der Natur und der Architektur so einfach wäre, wenn die Natur wie eine Urkraft unveränderbar immer da wäre und Landschaftsarchitektur das Bauen mit ihr vereint.
Aalto and Nature.
With Photographs by Elina Brotherus,
Tom Simons, Rainer Knapas (eds.)
Hardcover, 184 pages
20 x 28,5 cm, English
Birkhäuser, Basel 2026.
ISBN 978-3-0356-2884-5
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