Anna Heringer zeigt mit Architecture is a Tool to Improve Lives bei Birkhäuser auf beeindruckende Weise, was Architektur für Menschen, Orte und das Leben selbst bewirken kann. Die atmosphärischen Fotos von Iwan Baan sprechen dabei für sich selbst.
Sandra Hofmeister
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Anna Heringer, Dominique Gauzin-Müller, Iwan Baan, Architecture is a Tool to Improve Lives, Englisch, Französisch, Deutsch, Birkhäuser, Berlin 2026 → jetzt bestellen
Architektur für die Menschen
2020 gewann Anna Heringer den Obel Award für das Anandaloy-Gebäude in Rudrapur, Bangladesch. Mit ihrem neuen großformatigen Buch möchte die Architektin vermitteln, was sie dabei gelernt hat, und welche Haltung dahintersteckt. Deshalb gibt der Band Einblicke in den Kontext von Anna Heringers Arbeit, allerdings nicht wie eine klassische Architekturmonografie. Denn der Kontext ist angesichts der Transdisziplinarität und Vielschichtigkeit der Prozesse und Projekte von Studio Anna Heringer und der vielen Partnerorganisationen weit gefächert. Es geht also darum, wie „Social Design-Aspekte wie Empowerment, Erdung, Identifikation und Gemeinschaft mit Bautechnik, Ästhetik und architektonischer Form verwebt sind“, wie Jasper Eis Eriksen von der Obel Award Foundation im Vorwort meint. All diese unsichtbaren Schichten hat der holländische Fotograf Iwan Baan mit der Kamera festgehalten. Seine Aufnahmen zeigen Eindrücke in Bangladesch und Europa – an Orten, an denen Anna Heringer gearbeitet hat. Baans Fotos sind ohnehin am besten immer dann, wenn sie als Reportagen konzipiert sind – und genau das ist in diesem Buch der Fall. Landschaften und Menschen, Stimmungen und Architektur vermischen sich zu einem emotionalen Bild von Orten, die mitten im Leben stehen.
Rudrapur, Bangladesh, photo: Iwan Baan
Visuelles Tagebuch
Das Ergebnis ist ein beeindruckendes visuelles Tagebuch mit Texten von Anna Heringer selbst sowie Dominique Gauzin-Müller. Die Meti School in Rudrapur ist da zu sehen in Detailaufnahmen und belebten Fotos aus dem Alltag der Schule. Dann wieder sind Reisfelder und Lichtstimmungen zu sehen, oder ornamentales Bambusgeflecht der Veranda des Anandaloy-Gebäudes. Die jüngste Erweiterung des Dipshika-Standorts in Rudrapur wird als Zentrum für Menschen mit Behinderungen genutzt. Im ersten Stock ist das Produktionsstudio von Dipdii Textiles untergebracht. Textilien und Pläne, Zeichnungen und Fotos verdichten sich in diesem Buch zu einer Einheit, die das Leben schreibt.
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St. Michael Campus in Traunstein, photo: Iwan Baan
Rückkehr nach Europa
“Nature provides us with so many resources for free. All we need is the sensitivity to perceive them and the creativity to use them”, sagt Anna Heringer. Der Brückenschlag zwischen Europa und Asien, Rudrapur und Oberbayern ist beachtenswert. Welche Erfahrungen die Architektin dabei macht, thematisiert sie in einem eigenen Essay in diesem Buch. Auch die Bauten und Projekte in Deutschland sind dargestellt. Der Campus St. Michael in Traunstein ist das jüngste realisierte Gebäude von Studio Anna Heringer und das bislang größte in Deutschland. Die Fassaden des zentralen Campusgebäudes sind wie die Projekte in Bangladesch aus 100 % roher Erde gebaut. Es ist das erste freitragende Stampflehmgebäude in Deutschland. „Eine gute Art, Gebäuden eine Seele zu verleihen, ist es, ihnen physisch durch das handwerkliche Bauen und Pflegen Energie zuteilwerden zu lassen“, meint Anna Heringer. Gute Architektur braucht Menschen und Haltung – egal an welchem Ort.
Anna Heringer, Dominique Gauzin-Müller, Iwan Baan
Architecture is a Tool to Improve Lives
Englisch, Französisch, Deutsch,
192 Seiten, 200 farbige Abbildungen
Hardcover,
Birkhäuser, Berlin 2026
ISBN 978-3-0356-2864-7
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Anandaloy, photo: Iwan Baan
photo: Iwan Baan