Paris, Moskau, Tokio: Dieses Buch zur Ausstellung in Salzburg zeigt Charlotte Perriand als vielgereiste und eigenständige Architektin, Designerin und Fotografin. Ihre Wohnkonzepte waren modern, sozial gedacht und sind bis heute erstaunlich aktuell.
Sandra Hofmeister
![]()
Charlotte Perriand. Die Kunst des Wohnens, Katia Baudin, Waleria Dorogova (Hgg.), Hatje Cantz, Berlin 2026 → jetzt bestellen
„Hier besticken wir keine Kissen“, soll Le Corbusier gesagt haben, als sich Charlotte Perriand im Oktober 1927 in seinem Büro bewarb. Damals war sie gerade einmal 24 Jahre alt und wurde abgewiesen. Das änderte sich wenig später, nachdem Le Corbusier ihren Beitrag beim Salon d’Automne gesehen hatte. Von 1927 bis 1937 arbeitete Perriand in seinem Atelier in der Rue de Sèvres in Paris. Als gleichberechtigte Partnerin bildete sie mit Le Corbusier und Pierre Jeanneret ein kreatives Trio. Zu ihren wichtigsten Arbeiten gehörten Entwürfe für Stahlrohrmöbel, darunter eine Serie komfortabler Sessel, die später als LC-Modelle bekannt wurden. Dass Perriand an diesen Entwürfen maßgeblich beteiligt war, wurde über Jahrzehnte hinweg verschwiegen und erst spät anerkannt.
Charlotte Perriand lying on the Chaise longue basculante by Le Corbusier, Pierre Jeanneret, Charlotte Perriand, 1928, Archives Charlotte Perriand, © FLC, VG Bild-Kunst, Bonn, 2025, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2025
Chaise Longue
Zu den bekanntesten Möbeln, an deren Entwicklung Perriand maßgeblich beteiligt war, zählt die Chaise Longue. Berühmt wurde ein Foto, das sie entspannt auf der Stahlrohrliege zeigt, den Kopf abgewandt. Die Aufnahme ging um die Welt und machte das Möbel zur Ikone der Moderne. Wer die Frau auf dem Bild war, blieb jedoch lange im Hintergrund. Die Möbel, die heute von Cassina produziert werden, galten jahrzehntelang als reine Le Corbusier-Entwürfe. Erst seit rund zehn Jahren wird Charlotte Perriand auch öffentlich als Urheberin mit genannt.
Charlotte Perriand, André, Tournon, Refuge Bivouak, (mountain shelter) on Mont Joly, Saint-Nicolas-de-Véroce, winter 1938/39, Photo: Charlotte Perriand, Archives Charlotte Perriand, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2025
Radikale Wohnideen
Die Ausstellung in Salzburg macht deutlich, wie sehr sich Perriands Vorstellungen deutlich vom Wohnen von denen Le Corbusiers unterschieden. Das Interesse für archaische Alltagsgegenstände, die oft namenlos und einfach waren, prägte Charlotte Perriands Arbeit. In vielen Fragen vertrat sie radikale Positionen. Kleiderschränke etwa hielt sie für überflüssig – Kleidung sollte gefaltet statt aufgehängt werden. Ihre Idee waren Möbel für alle. Das Haus verstand sie als Ort der Ruhe und Erholung, nicht als funktionale Maschine. Damit stand sie im Gegensatz zu Le Corbusiers berühmter Formel vom „Haus als Maschine zum Wohnen“. Auch politisch suchte Perriand eigene Wege. Sie knüpfte Kontakte zur kommunistischen Partei und reiste nach Moskau, wo sie Bruno Taut und Ernst May begegnete.
Le Corbusier, Charlotte Perriand, Djo Bourgeois, Jean Fouquet, and Percy Scholefield in the Bar sous le Toit, 1928, Photo: Pierre Jeanneret, gta Archiv / ETH Zürich, Alfred Roth, © FLC, VG Bild-Kunst, Bonn, 2025, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2025
Kleine Häuser
Perriand entwickelte kleine mobile Häuser wie das Refuge Bivouac auf dem Mont Joly oder die modulare Maison au Bord de l’Eau. Es waren Entwürfe für ein demokratisches Wohnen, gedacht für viele, letztlich jedoch nur für wenige realisierbar. Ihre Überzeugung von standardisierten Grundrissen und serieller Bauweise speiste sich aus ihrer politischen Haltung und dem Wunsch nach einer breiten Zugänglichkeit von Architektur.1940 kam Perriand nach Japan und blieb während des Krieges dort. Die Entwürfe dieser Zeit verbinden moderne Gestaltung mit japanischen Handwerkstechniken und traditionellen Raumkonzepten – eine Verbindung, die ihr späteres Werk nachhaltig prägte.
![]()
Charlotte Perriand, Gouache and, photomontage of the équipement, intérieur d’une habitation, shown, at the 1929 Salon d’automne, Published in L’Architecture vivante, 1930, Collection Kunstmuseen Krefeld, © FLC, VG Bild-Kunst, Bonn, 2025 © VG Bild-Kunst, Bonn, 2025
Der Ausstellungskatalog Charlotte Perriand. Die Kunst des Wohnens zeichnet die wichtigsten Stationen ihres Lebens und Denkens nach. Dabei gelingt es ihm, die enge Verbindung von Architektur, Politik und Gestaltung in ihrem Werk sichtbar zu machen. Wer Charlotte Perriands Möbel und Ideen neu entdecken möchte, findet in diesem Band eine ebenso informative wie anregende Lektüre. Angereichert ist sie durch Interviews und STatements von Zeitzeugen wie ihrer Tochter Pernette.
Die Ausstellung „Charlotte Perriand. Modern leben: Design, Fotografie, Architektur“ ist noch bis Mitte September im Museum der Moderne in Salzburg zu sehen. Sie wandert im Anschluss nach Barcelona in die Fondació Joan Miró.
Charlotte Perriand. Die Kunst des Wohnens
Katia Baudin, Waleria Dorogova (Hgg.)
Deutsch, 272 Seiten
190 × 260 mm, Broschur
Gestaltet von Armand Mevis
Hatje Cantz, Berlin 2026
ISBN 9783775761642
![]()
![]()