Der Architekt Klaus Jürgen Bauer war ein aufmerksamer Stadtflaneur. Er suchte und fand immer wieder besondere Bauten mit besonderen Geschichten. Das Buch "Sprechende Fassaden" ist sein Vermächtnis und hält einige Entdeckungen parat.
Isabella Marboe
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Klaus Jürgen Bauer, Sprechende Fassaden, Zinshäuser, Villen, Fabriken udn Wohnbauten in Wien, Falter Verlag, Wien 2025 → jetzt bestellen
Sehen und interpretieren
„Man sieht nur, was man weiß“, soll Johann Wolfgang von Goethe gesagt haben. Der Dichterfürst hat nicht ganz recht. Man sieht nun einmal, was man sieht. Manchmal ist es sogar besser, weniger zu wissen. Wissen aber ist immer eine gute Basis. Wie ließen sich sonst Dichtung und Wahrheit unterscheiden? Erst profundes Wissen gibt die Freiheit zur Interpretation.
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Foto: Arik Brauer
Das Buch – ein Vermächtnis
Klaus-Jürgen Bauer verstand es wie kaum ein anderer, großes Fachwissen mit Intuition, Fantasie, Humor, subjektiver Erfahrung und Sprachbegabung anzureichern. In ausgedehnten Stadtspaziergängen – bevorzugt durch Wien – fand er viel Gelegenheit, dieses besondere Talent zu schulen. Mit der Zeit reifte er in der hohen Kunst der Fassadenleserei zu wahrer Meisterschaft. Das Buch „Sprechende Fassaden“ ist sein Vermächtnis. Ihm widmete er seine ganze verbleibende Lebensenergie, es wurde unmittelbar vor seinem Tod fertig und ermöglicht es, auf seinen Spuren durch die Stadt zu streifen. „Klaus Jürgen Bauer schaut Gebäuden nicht nur ins Antlitz, schaut ihnen nicht nur in die Augen, sondern blickt hinter die Fassaden, lüpft den einen oder anderen Schleier, entdeckt Unbekanntes, liest von den Lippen und dekuvriert die Seele der Gebäude – und die Seele der Stadt“, schreibt Gregor Auenhammer im Vorwort.

Foto: Charlotte Schwarz
Zinshäuser, Fabriken, Wohnbauten in Wien
Hundert Fassaden von Zinshäusern, Fabriken und Wohnbauten in Wien versammelt dieses Buch. Es widmet sich in eigenen Kapiteln der Inneren Stadt, dem Bürgerlichen Bauen, Arbeiterquartieren, den Vororten, sowie Gärten, Parks und Gstätten. Dabei ist schon auf der ersten Seite zum ersten und prominentesten Bauwerk Wiens, dem Stephansdom höchst Interessantes zu erfahren: Das ehrgeizige Vorhaben, im unbedeutenden, mittelalterlichen Österreich eine Königskirche zu bauen, glückte. 1237 war sie weitgehend fertig, aber es gab noch kein Königreich. Kaiser Friedrich II. kam sogar nach Wien, wo er „vermutlich im Westwerk Hof hielt und mit den Babenbergern über die Erhebung Österreichs zu einem Königreich verhandelte. Diese boten dem 50-jährigen Kaiser eine 19-jährige Prinzessin an: Das Mädchen lehnte aber die Hochzeit ab und der Deal platzte. Das Westwerk markiert seither den Moment des Eintritts Österreichs in die Weltpolitik.“ Das pikante Detail, das Klaus-Jürgen Bauer auf zwei Lisenen unter den wunderschönen, in romanische Rosetten eingefügte Uhren am Westwerk entdeckt, muss man schon selbst finden – oder im Buch nachschlagen.
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Foto: Charlotte Schwarz
Interessante Details
Der aufmerksame Stadtflaneur Klaus-Jürgen Bauer entdeckt an Touristenattraktionen, an denen man schon abgestumpft vorbei trottet, interessante Details und nobilitiert mit seinem Wissen anonyme Architektur, ihm fallen aber auch viele Gebäude auf, an denen man mitunter schon sehr oft vorbeigegangen ist.
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Foto: Charlotte Schwarz
In Meidling
So weist er auf ein schlichtes Wohnhochhaus aus 1955 in Wien Meidling hin, auf dem ein schmuckes orange-beiges Mosaik von Leopold Schmid und die Andeutung einer Attika italienisches Flair in den Arbeiterbezirk bringen. Wirklich interessant wird es bei der Arbeitsgemeinschaft, die dieses Haus plaante. Leopold Schmid war 1938 mit Berufsverbot belegt worden, der führende Architekt Franz Sturm ein Schüler von Friedrich Ohmann, dann ständestaatlicher Baurat und später Gauamtsleiter für Niederdonau. Die drei jüngeren - Eva Poduschka, Otto Frank und Otto Gruen - waren eine Absolventin der technischen Hochschule, sowie ein Schüler von Franz Schuster an der Kunstgewerbeschule und Clemens Holzmeister an der Akademie. „So eine Konstellation wäre vor dem Krieg undenkbar gewesen“, resummiert Bauer lapidar.
Kornhäuslkirche, Foto: Charlotte Schwarz
Neustiftgasse Nr. 4
Am Beginn der Neustiftgasse – ganz konkret auf Hausnummer 4 – lässt sich eine hoch interessante Kirche entdecken, die nicht von ungefähr an die Franziskanerkirche in der Innenstadt erinnert. Auch sie wurde ursprünglich – um 1600 – von den Franziskanern errichtet, dann aber während der ersten Türkenbelagerung zerstört, neu aufgebaut, von Joseph II. aufgelöst, um 1800 von armenischen Mechitaristen besiedelt und schließlich 1835 ein Opfer der Flammen zu werden. Kein geringerer als Joseph Kornhäusel plante den Neubau, doch nur das Kloster wurde fertig. Vater und Sohn Fritz und Camillo Sitte setzen schließlich durch, das die Kirche nicht nach Kornhäusels Plänen, sondern im Stil der italienischen Frührenaissance gebaut wurde. Um mit Klaus Jürgen Bauer zu sprechen: „Es entstand eine eigenwillige, auffallend schmale, gänzlich gequaderte Doppelturmfassade mit einem weit hervortretenden Mittelrisalit und einer Freitreppe. Italienische Oper vom Feinsten!“
Diese Kirche ist bei weitem nicht die einzige Gemme, die sich hier finden lässt. Der große Johann Wolfgang von Goethe hat also letztlich doch recht!
Dieser Text von Isabella Marboe ist von unserem Kooperationspartner genau!
Klaus Jürgen Bauer
Sprechende Fassaden, Zinshäuser, Villen, Fabriken und Wohnbauten in Wien
Fotos von Charlotte Schwarz
248 Seiten, Hardcover
Falter Verlag
Wien 2025
ISBN: 9783991660194
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