Jahrelang hat Paul Virilio die deutschen Bunker an der Bretagneküste erkundet. Seine Bunkerarchäologie ist nun in einer neuen Ausgabe bei Spector Books erschienen – ein Zeitdokument, das mehr Relevanz denn jeh hat.
Sandra Hofmeister
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Paul Virilio, Bunkerarchäologie, Florian Ebner, Sophie Virilio, Jan Wenzel (edd.), Spector Books, Leipzig 2025 → jetzt bestellen
Rasender Stillstand
Was hätte Paul Virilio (1931-2018) wohl zu Deep Fake und Artificial Intelligence gesagt? Schon in den 1980er-Jahren hatte der Kulturkritiker und Philosoph eine Art gesellschaftliche Beschleunigung diagnostiziert, die er als Ursache bewegungsloser Dauererregung erkannte. In Rasender Stillstand (1990) beschrieb Virilio diesen Zustand: Geschwindigkeit ersetzt dann Aktivität und der Verlust von Raum als Erfahrung geht Hand in Hand mit einer Präsenz, die zu Entortung und Orientierungslosigkeit führt. 2018 ist Virilio gestorben. Im Rückblick stellt sich die Frage, ob er unsere Gegenwart nicht erstaunlich präzise vorausgeahnt hat?

© Sophie Virilio
Spaziergänge an der Atlantikküste
In den späten 50er-Jahren begann Virilio, damals Mitte zwanzig – wieder und wieder an die Atlantikküste zu reisen und dort die Bunkeranlagen der Nationalsozialisten aus dem Zeiten Weltkrieg zu erforschen. Über zehn Jahre lang ist er Sommer wie Winter mit seiner Familie in die Bretagne gereist, um die verlassenen Nazis-Bollwerke zu fotografieren und über sie zu schreiben – Relikte eines Krieges, die wie Fremdkörper in der Landschaft lagen.
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© Sophie Virilio
Monolith am Strand
„Die Villen am Meer waren leer, man hatte alles in die Luft gesprengt, was das Schussfeld der Bunker versperrte, die Stände waren vermint, und die Feuerwerker machten sich hier und da daran, den Zugang zum Meer freizulegen“, erinnert sich Virilio im Vorwort. Er verstand die Bunker nicht nur als militärische Architektur, sondern auch als Ausdruck eines Denkens über Raum, Macht und Wahrnehmung. Analogien zischen Grabmälern und Bunkern, die Absurdität der Standorte am Meer, die Maßlosigkeit der grauen Monolithe, teils ohne Öffnungen mit Ausnahme von Luftlöchern und die weiblichen Vornamen der Bauwerke: Virilio erkannte, dass die Bunker einerseits einer Vergangenheit angehören, die archäologische Züge hat, und andererseits auch Teil einer Zukunft sind, die uns ebenso radikal wie der Zeit entrückt erscheint.

© Sophie Virilio
Geschichten vom Verschwinden
Die Schwarz-Weiß Fotos der Bunker in diesem Buch sind beeindruckend, die Sprache Virilios einfach und verständlich – eine Kulturanalyse, den Krieg an sich gesellschaftlich verortet. Es gibt ein Textkapitel zu Albert Speer und ein Fotokapitel mit dem Titel „Ästhetik des Verschwindens“. In ihm sind Bunkeranlagen gezeigt, die langsam in den Dünen am Strand verschwinden und unsichtbar werden. Erstmals ausgestellt waren Virilios Fotos 1975 im Musée des arts decoratifs in Paris.
Die neue Auflage der Bunkerarchäologie kommt zum richtigen Zeitpunkt, denn sie lässt den klassischen Text in neuem Licht erscheinen: Verteidigung und Angriff, Kriegsmetaphorik und militärische Überlegenheit – viele Bobachtungen Virilios erhalten durch den Ukraine-Krieg eine erschreckend neue Aktualität.
Paul Virilio
Bunker Archäologie
Florian Ebner, Sophie Virilio, Jan Wenzel (edd.)
22x26 cm, 212 Seiten
102 s/w Abbildungen, Hardcover
Design: Helmut Völter, Ina Kwon
Spector Books, Leipzig 2025
ISBN 9783959057332
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