Wieviel Potenzial hat der Lehmbau? Auf welche baukulturelle Traditionen geht die Bauweise zurück und wie kanns ie für die Zukunft stärker aktiviert werden? Dieser Band von Roger Boltshauser zeigt die Herkunft des Naturmaterials und seine Relevanz für die Zukunft auf.
Anne Isopp, morgenbau

Pisé. Hybridkonstruktionen- Tradition und Potenzial, hg. v. Roger Boltshauser mit Mirjam Kupferschmid, Janina Flückiger, Marlène Witry , Triest-Verlag, Zürich 2026, → jetzt bestellen
Wie sollen wir in Zukunft bauen? Wer durch das neue Buch von Roger Boltshauser blättert, bekommt eine Ahnung von der Antwort: mit Lehm – und zwar auf mehr Arten, als man für möglich gehalten hätte. Pisé – Hybridkonstruktionen, Tradition und Potenzial verweist auf die lange Tradition des Lehmbaus und zeigt, welches architektonische Potenzial in der Kombination aus Lehm mit anderen Materialien steckt. Es ist ein Buch zum Schmökern, zum Staunen und zum Studieren – eine Kombination, die wenige Bücher so kurzweilig bedienen wie dieses.
Foto: Philip Heckhausen
Zukunft aus Lehm
Lehm ist ein faszinierender Baustoff. Es ist schwer nachzuvollziehen, warum so wenig mit diesem Baumaterial gebaut wird, obwohl es ausreichend vorhanden ist, so viele gute Eigenschaften besitzt und dazu auch noch schön ist. Dem Lehmbau erging es da ähnlich wie dem Holzbau. Mit dem Aufkommen des Stahlbetons ging das Interesse an dem Baustoff und damit auch das Wissen um den Baustoff verloren. Der Holzbau hat sich längst aus dem Nischendasein befreit. Auch der Lehmbau ist auf dem besten Wege dahin. Und genau das ist das Ziel des Buches von Roger Boltshauser: den Baustoff Lehm aus dem Nischendasein zu befreien und in die Breite zu bringen.

Foto: Philip Heckhausen
Von Marokko nach Spanien
Dazu beschäftigt sich Roger Bolsthhauser seit Jahren mit der Geschichte des Lehmbaus. Schon in einem früheren Buch thematisierte er seine Verbreitung von Frankreich aus in die Schweiz. In diesem Buch folgt er nun dem Weg des Lehmbaus von Marokko auf die iberische Halbinsel und weiter bis in die Schweiz. Gleich auf der vorderen Umschlagseite findet man eine Karte mit historischen und zeitgenössischen Bauten in Marokko und Spanien, hinten eine Karte von Frankreich und der Schweiz. Am liebsten würde man Roger Boltshauser auf seiner im Buch skizzierten Reiseroute durch die marokkanische Wüste und durch Spanien folgen. Man spürt die Faszination, die von dem Baustoff Lehm ausgeht. Das Wort Pisé im Titel des Buches mag für alle, die nicht aus der Schweiz stammen, unverständlich klingen. Dazu muss man wissen: Pisé ist ein französischer Begriff für Stampflehm, der in der Schweiz gebräuchlich ist.

Foto: Philip Heckhausen
Ein Turm aus Stampflehm
Das Buch verfolgt drei Erzählstränge, die sich gegenseitig stützen: das Lernen von historischen Beispielen, die Weiterentwicklung bestehender hybrider Baumethoden und ihre Anwendung in neuen, gebauten Projekten. Roger Boltshauser, der seit den frühen Jahren seines Büros mit Lehm baut und für den klimabewusstes Bauen ein zentrales Anliegen ist, ist stets darum bemüht, das Bauen mit Lehm weiterzuentwickeln. Nicht von ungefähr ist auf dem Cover des Buches der Ofenturm zu sehen. Ein Bau, den Boltshauser gemeinsam mit Studierenden entwickelte und der dank einer vorgespannten Lehm-Holz-Konstruktion so ungewöhnlich hoch ausgeführt werden konnte. Eine Innovation im Lehmbau.
Foto: Studio Bolthauser, Léon Bührer, Rico Furter
Zwischen Lehre, Forschung und Praxis
Als Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich arbeitet Boltshauser in zahlreichen Entwurfsseminaren mit Studierenden mit Stampflehm. Hier wird experimentiert und geforscht, im Büro von Boltshauser fliesst das Wissen dann in neue Bauvorhaben. In dieser Melange ist auch dieses Buch entstanden, das er gemeinsam mit Mirjam Kupferschmid (Lehrende an Boltshausers Lehrstuhl), Janina Flückiger (ehemalige Mitarbeiterin bei Boltshauser Architekten und Assistentin am Lehrstuhl) und Marléne Witry (ehemalige Entwurfsassistentin bei Boltshauser, heute Professorin an der Hochschule für Technik Stuttgart herausgegeben hat. Das Buch zeigt anhand von Bildern, Texten, Plänen und Detailzeichnungen, dass vieles im Lehmbau bereits möglich ist, vieles aber auch noch nicht erforscht. Der Ofenturm auf dem Cover aber zeigt, wohin die Reise geht.
Ein Gespräch zwischen Roger Boltshauser und Anne Isopp findet ihr als Podcast bei morgenbau.
Roger Boltshauser mit Mirjam Kupferschmid, Janina Flückiger, Marlène Witry (Hgg.).
Pisé – Hybridkonstruktionen- Tradition und Potenzial.
Design: Maike Hamacher, Zürich
480 Seiten, ca. 630 Abbildungen,
22 × 30 cm, Halbgewebeband
Triest-Verlag, Zürich 2026
ISBN 978-3-03863-095-1

