In building stories im Taschen-Verlag erzählt uns Francis Kéré seine Geschichte. Die erste Monografie des Pritzkerpreisträgers verrät viel über das Selbstverständnis des Architekten aus Burkina Faso – und über das seines Berliner Architekturbüros.
Sandra Hofmeister
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Francis Kéré. Building Stories, 444 Seiten, Taschen, Köln 2026 → jetzt bestellen
Wunsch und Wirkung
Jedes größere und bekanntere Architekturbüro leistet sich früher oder später ein eigenes Buch. Und weil Architekturmonografien eigenfinanziert und aufwendig sind, geht es auch um Selbstdarstellung und Öffentlichkeit. Mehr noch als Homepages verraten sie viel über die Architekt:innen selbst und ihren Anspruch, die Bedeutung und Rezeption ihrer Projekte in eine bestimmte Richtung zu lenken und sich ein spezielles Image zu geben. Wunsch und Wirkung liegen also nahe beieinander, weshalb Architekturmonografien auch wertvolle Marketing-Tools sind; nichts ist zufällig, der Effekt wohl bedacht. Softcover oder gediegener Leineneinband? Architekturaufnahmen oder Schnappschüsse von der Baustelle? Welche Grafiker:innen gestalten das Buch – in welchem Verlag erscheint es? Das alles hat Konsequenzen für die Eigendarstellung in der Öffentlichkeit.
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© Kerstin Diehl
„Ich bin ein Macher“
Diébédo Francis Kéré wurde 2022 als erster Afrikaner überhaupt mit dem Pritzker-Architekturpreis ausgezeichnet. 2007 gründete er sein Büro Kéré Architecture in Berlin. Jetzt ist seine erste Monografie im Taschen-Verlag erschienen. Das Softcover ist trotz seiner 450 Seiten kompakt, leicht und handlich. Es zeigt viele unveröffentlichte Handskizzen, technische Zeichnungen, Texte und Fotos von Menschen, Gebäuden, Bauprozessen. Insgesamt 26 Projekte sind dokumentiert, der Duktus gleicht einem persönlichen Notizbuch. Die Kapitel haben ebenso einfache wie einprägsame Überschriften, zum Beispiel „place“, „people“, „time“ oder „shelter“. In den Texten begegnet uns immer wieder Kéré selbst, der in der Ich-Form schreibt– ein Einblick aus erster Hand. „People are the start and the end of my design process“, erklärt er uns. Manchmal spricht der Architekt seine Leser:innen sogar direkt an, seine Beobachtungen klingen dann ein bisschen wie Geständnisse: „Don’t take me as an intellectual. I am a doer.“ Oder: „In these pages, I lay myself bare. You will discover who I am. You will find my fears, the mistakes, the efforts and the passions that brought me here.” Soviel Vertrautheit muss man erstmal plausibel rüberbringen, aber bei Kéré klingt das wie selbstverständlich. Na dann!
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© Kerstin Diehl
Authentische Einblicke
Was sind die persönlichen und geheimen Leidenschaften, die uns der Architekt in seinem neuen Buch verrät? Gehen wir also auf Tuchfühlung mit Francis und nehmen seine Einladung an. Auch für Journalist:innen mutet das an wie eine kleine Sensation, denn schließlich ist Kéré seit dem Pritzkerpreis ein internationaler Superstar, an den kaum heranzukommen ist. Die Zeitschiene an dokumentierten Projekten in der Monografie geht bis zum ersten fertiggestellten Gebäude von 2001 zurück, der Grundschule in Gando, dem Heimatdorf des Architekten in Burkina Faso. Die aktuellen Aufträge, an denen Kéré und sein Team derzeit arbeiten – sind am Ende des Buchs aufgegriffen, zum Beispiel das Las Vegas Museum of Art – bei dem Skidmore, Owings & Merill (SOM) als erfahrene Partner mit von der Partie sind. Der große Museumsbau in Kalifornien soll 2029 eröffnet werden, im Buch sind Renderings zu sehen, die kaum Aussagekraft haben.
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© Kerstin Diehl
Vom Globalen Süden in den Superkapitalismus
Der Blick auf zukünftige Projekte ist die Schwachstelle in diesem Buch und gleichzeitig der wohl interessanteste Moment im Portfolio von Kéré Architecture. Denn was genau geschieht, wenn sich die Geschichte des bescheidenen Jungen aus Burkina Faso in der internationalen kapitalistischen Architektur- und Konsumwelt behaupten muss? Funktioniert die Bescheidenheit dann noch, die Kéré für sich beansprucht? Der Titel der Monografie „building stories“ ist gezielt mit Minuskeln geschrieben – das könnte sich auch als Geste herausstellen. Unabhängig aber von der Haltung Kérés wird sich bald herausstellen, nämlich spätestens wenn das Museum in Las Vegas eröffnet – ob seine Architektur das Zeug dazu hat, beide Welten zu vereinen, den Globalen Süden und Norden.
Das Team von Kéré Architecture, © Kerstin Diehl
Der Bücher-Macher
Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf das Buch selbst. Auf dem robusten Karton des Softcovers ist eine schöne Skizze zu sehen – eine Fragenbaum mit lauter essenziellen Gedanken. Der Umschlag aus blauem Transparentpapier ummantelt den Band wie ein fragiles, dünnes Kleid. Die Seitenränder sind farbig gehalten, so lassen sich die einzelnen Kapitel schon im Buchblock auf den ersten Blick erkennen. Und dann die Papierqualität. Manche Seiten sind aus dünnem, durchscheinenden Zeichenpapier, dann wieder mit normaler Grammatur. Die Haptik wird zum eigenen sinnlichen Faktor des Lesens. Für die Grafik von Building Stories ist eine Meisterin ihres Metiers verantwortlich: die Amsterdamer Buchgestalterin Irma Boom. Sie experimentiert gerne mit Papierarten, Bindungen und typografischen Konzepten – und ja. Eines ihrer letzten Bücher war der Ausstellungskatalog diagrams der großen Schau von OMA in der Fondazione Prada in Venedig. Kérés mag sich in seinen Texte bescheiden geben, doch der Anspruch dieses Buchs ist ein anderer: Der akkurat gestaltete und produzierte Band macht deutlich, dass Kéré Architecture in der ersten Liga mitspielen und zu den Besten gehören will.
Francis Kéré. Building Stories
Softcover, 19 x 25.5 cm, 444 Seiten
Design: Irma Boom
Köln, Taschen 2026
ISBN 978-3-7544-0507-9
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© Kerstin Diehl
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Francis Kére und Christof Schlingensief, © Kerstin Diehl