Sattes Rot und Hellgrün: Die Architektur im Appenzellerland ist traditionell farbig. Fabienne Suter Sogo geht dieser Farbkultur auf den Grund und blickt in die Zukunft.
Sandra Hofmeister
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Fabienne Suter Sogo, Farbkultur in Appenzell Innerrhoden, Die Farbigkeit von Appenzeller Häusern in der Streusiedlung und im Dorf, Haus der Farbe (Hg.), 144 Seiten, Scheidegger & Spiess, Zürich 2026 → jetzt bestellen
Wer schon mal durch das Appenzellerland gereist ist, wird die farbigen Häuser in der Wiesen- und Berglandschaft der Schweizer Alpenregion nie vergessen. Wie Modellhäuschen sind die Bauernhäuser über die Hügel verteilt. Der Stalltrakt ist meistens gelb gehalten, die Holztore leuchten in Rot. Farben sind ein fester Teil der kulturellen Identität in der Region Appenzell, egal ob auf dem Land oder in den Dorfzentren.
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Farbklang, handgemischt mit Künstlerfarben der Linie Lascaux «Studio». Von links nach rechts: Mischweiss mit Umbra grünlich / Chromoxydgrün mit Mischweiss / Mischweiss mit wenig Umbra / Mischweiss mit Rebschwarz. © Haus der Farbe
Legenden und Analysen
Der Sage nach gefielen die kleinen Appenzeller Häuser dem Riesen namens Säntis, nach dem auch der Berg benannt ist, so gut, dass er sie in einen Sack steckte, um sie nach Hause zu bringen. Durch ein Loch seien die Häuser, so die Legende, unbemerkt herausgefallen und deshalb überall auf den Wiesen und Hügeln verteilt. In ihrer Studie „Farbkultur in Appenzell Innerrhoden“, erschienen bei Scheidegger & Spiess, vergleicht Fabienne Suter Sogo die Bauernhäuser dieser ländlichen Streusiedlungen mit der farbigen Architektur im Dorf. Sie deckt Hintergründe, Traditionen und Muster der Farbkultur auf, analysiert die letzten erhaltenen Beispiele fragiler Fassadenbemalung aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert und hält sie fotografisch fest. In ihrem Buch, das vom Haus der Farbe in Zürich herausgegeben ist, geht sie auf die Herkunft der Farbigkeit ein und entwickelt Leitlinien für deren Weiterentwicklung in der Zukunft. Die sorgfältige Analyse und die Empfehlungen gehen in dieser wertvollen Studie Hand in Hand.
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Falkenmühle, Gaiserstrasse 9B, Appenzell/AI. © Foto Christoph Gysin
Ölfarbe und Acryl
Als äußerste Fassadenschicht ist die Farbe der Witterung ausgesetzt und deshalb von kurzer Lebensdauer. Farbige Fassadenabschnitte werden im Appenzell regelmäßig neu gestrichen, wobei die traditionelle Ölfarbe oft durch die neue Acrylfarbe ersetzt wurde und ursprüngliche Farbkompositionen mehr und mehr verloren gehen. In den meisten Fällen haben die Maler vor Ort die Farbkompositionen ad hoc bestimmt – eine Reflexion über die Farbgeschichte und die -nuancen sowie den konkreten Kontext fand dabei nicht statt. Synthetische Mineralfarben lösten im Lauf des 19. Jahrhunderts die herkömmlichen Pigmente ab. Neue leuchtende Töne wie Chromoxidgrün und das volltonige Bemalen von größeren Fassadenflächen verbreiteten sich, wozu auch die Bezahlbarkeit der neuen Farben beitrug. Fabienne Suter Sogo gliedert ihre Analyse in unterschiedliche historische Dekaden und deckt Farbklänge und Kompositionen von 1880 bis heute auf.
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Weissbadstrasse 8, Fassadengestaltung in traditioneller Farbigkeit: dekorativ, farbig und dennoch zurückhaltend. © Foto Christoph Gysin
Vertäfelte Fassaden
Fensterläden mit Trompe-l’Œil-Bemalung, vertäfelte Fassaden mit dekorativen Elementen wie Rosetten oder Friesen: In der Biedermeierzeit des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in den Dörfern des Appenzellerlandes eine besondere Art der farbigen Verzierung. Heute werden die Häuser in Zyklen von 15 bis 20 Jahren regelmäßig neu überstrichen. Feine Farbakkorde gehen dabei verloren – genau wie auch in den Streusiedlungen. Autorin bezieht Quellen wie die historische Beispiele der Senntumsmalerei des frühen 19. Jahrhunderts mit ein, deckt die Farbnuancen von aufgemalten Drillingsfenstern in Giebelfeldern auf, analysiert historische Postkarten und heutige Straßenansichten. Heute sind in den Dörfern des Appenzells verschiedene Farb- und Modetrends vorhanden – im besten Fall ein Farbflimmern wie ein Capriccio, das in seiner Gesamtheit erfasst wird und Ausdruck einer kulturellen Entwicklung ist.
Ein Cappriccio. Verschiedene Schichten legen sich übereinander und werden zum Farb- und Zeitgeflecht. Die Vergangenheit bleibt in der Gegenwart sichtbar und zeigt Möglichkeiten für die Zukunft. Mustertafel, in Ölfarbe gemalt. David Keist, Haus der Farbe. © Haus der Farbe
Leitlinien
Wie geht es weiter mit der schönen Farbtradition im Appenzellerland? Fabienne Suter Sogo hat ihr Resümee in Form von Leitlinien für die Zukunft festgehalten. Sie sind darauf bedacht, die Tradition der Farben mit Bedacht und Sorgfalt weiterzuentwickeln.