Was tut sich im Bildungsbau? Zwei neue Bücher von Jovis ziehen Bilanz zur Situation in Österreich und in München.
Sandra Hofmeister
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Bundesrealgymnasium, Seestadt, Wien, © Hertha Hurnaus
Frontalunterricht vor der Tafel und lange dunkle Korridore, an denen sich die Klassenzimmer aufreihen: Solche Erinnerungen an die Schulzeit sind für die heutige Elterngeneration üblich. Doch Bildungsbauten haben sich in den letzten Dekaden so rasant verändert wie kaum eine andere Typologie. Die Architektur von Schulen und Kindergärten hat auf neue pädagogische Konzepte reagiert und die Bedürfnisse von Kindern und Lehrenden aufgegriffen. Dabei geht es nicht nur um Funktionalität, sondern auch darum, spontane Aktionen und ungeplante Szenarien räumlich zu ermöglichen. Zwei Bücher im Jovis-Verlag ziehen Bilanz zur Situation in Österreich und München.
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Neue Lernwelten. Impulsgebende Schulen und Kindergärten in Österreich, Christian Kühn et al., hg. v. ÖISS Österreichisches Institut für Schul- und Sportstätten im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Jovis, Berlin 2026 → jetzt bestellen
Pisa und die Folgen
In der Pisa-Studie der OECD vom Herbst 2001 bekamen Deutschland und Österreich für ihre Bildungssysteme mittelmäßige Noten. Ein Alarmsignal, das weitreichende Konsequenzen für den Bildungsbau hatte. So haben die einzelnen Bundesländer in Österreich mit diesem Schock den nötigen Aufwind erhalten, meint Christian Kühn in „Neue Lernwelten. Impulsgebende Schulen und Kindergärten in Österreich“. Der Band versammelt sechs Essays und fünf Gespräche zur Entwicklung des österreichischen Bildungsbaus und zu seinen Zukunftsszenarien. Der Blick auf den gesamten Bundesstaat ist beabsichtigt: Zwar sind Bildung und ihre gebaute Infrastruktur auch in Österreich föderal organisiert, doch der Bund ist in vielen Punkten beteiligt.
Volksschule Edlach, Dornbirn, Vorarlberg, © Kurt Hörbst
Spielhöfe und Marktplätze
Wie pädagogische Konzepte auf die räumliche Entwicklung wirken, macht Barbara Feller in ihrem Essay deutlich – von den Kinderstuben im Roten Wien bis zu den Freirauminseln der Nachkriegsära. In den Schulbauten der letzten 15 Jahre stehen Inklusion und Flexibilität für verschiedene Lernarrangements im Vordergrund. Cluster-Konzepte bieten Platz für wechselnde Teams. Die 50 dokumentierten Fallbeispiele der letzten 15 Jahre zeigen, was damit gemeint ist. Auch der Schulcampus in Neustift im Stubaital von fasch & fuchs Architekten ist mit Grundrissen und Schnitten erläutert. Insgesamt entsteht so ein guter Überblick zur Entwicklung im Bildungsbau. Schwer lesbar hingegen bleiben die Gespräche im Textteil: Mit sieben Teilnehmenden, in Kürzeln genannt, wird auch das beste Gespräch nahezu unleserlich.
Wir bauen Bildung! 10 Jahre Bildungsbauoffensive München, hg. v. Landeshauptstadt München, Baureferat, Jovis, Berlin 2026 → jetzt bestellen
Bildungsoffensive München
„Wir bauen Bildung!“ ist der Titel einer zweiten Neuerscheinung bei Jovis, herausgegeben vom Baureferat der Landeshauptstadt München. Mit über neun Milliarden Euro stemmt die bayerische Landeshauptstadt die größte kommunale Bildungsbauoffensive in Deutschland. 2014 wurde das Programm beschlossen, seitdem entstanden unter anderem 62.500 zusätzliche Schulplätze, 13 Schwimmhallen und 78 Mensen. Für die Prognose der Schülerzahlen hat die Stadt eine Task Force einberufen, deren Arbeit nach mehr als einem Jahrzehnt noch lange nicht beendet ist.
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Oskar-von-Miller-Gymnasium, © Florian Holzherr
108 Schulbauprojekte
Die Bauaufgaben der letzten Dekade reichen vom Neubau bis zum Bauen im Bestand und zum Denkmalschutz. Mit Blick auf die Nachhaltigkeit des gesamten Lebenszyklus der Gebäude wurden neue Standards für den Bildungsbau entwickelt. Viele Münchner Schulbauten sind wegweisend für Deutschland – Holz- oder Modulbauten mit dichten, kompakten Nutzungskonzepten. Insgesamt 108 Schulbauprojekte nahm die Bildungsoffensive auf den Monitor, 47 sind bereits fertiggestellt und 26 im Bau.
Grundschule Infanteriestraße, © David Matthiessen
Lernhäuser und modulare Bauweise
Auch in diesem Band werden einzelne Schulen vorgestellt – vom Bildungscampus Freiham bis zum Wilhelmsgymnasium im Zentrum der Stadt. Manche sind auf einer halben Seite mit einem Foto abgebildet. Zuweilen hat Dokumentation den Charakter einer reinen Auflistung, dann wieder gibt es ausführlich dargestellte Highlights, etwa die modularen Schulen von Wulf Architekten in Freiham, Schwabing und Bogenhausen. Das Baureferat als Herausgeber ist weniger auf die Außenwirkung der einzelnen Projekte als auf interne Prozesse und Programme bedacht. So öffnen die verschiedenen Essays ein breites Themenspektrum – von der Kunst am Bau bis zum Münchener Lernhauskonzept und Vorbildern in Dänemark. Dazu kommen zahlreiche Interviews mit Expert:innen aus der Verwaltung. Wer wissen möchte, mit wem er es im jeweiligen Interview zu tun hat, ist auf eines der vielen Register im Anhang angewiesen. Mehr Auswahl und weniger Listen hätten dem Buch gutgetan – allein die Mitarbeitenden des Baureferats füllen mehrere Seiten, und das sind längst nicht alle Namen.
Trotz der Informationsfülle bleibt der Band dank Zahlen, farbig hinterlegten Seiten und Stadtplänen übersichtlich. Hinzu kommen verständliche Grafiken zu konkreten Fragen. Das Ergebnis ist beeindruckend: So viel Expertise hat sich in München über die Jahre zum Bildungsbau angesammelt!
Wir bauen Bildung! 10 Jahre Bildungsbauoffensive München, hg. v. Landeshauptstadt München, Baureferat, Design: strobo B M, Klappenbroschur, 232 Seiten, Jovis, Berlin 2026
Neue Lernwelten. Impulsgebende Schulen und Kindergärten in Österreich, Christian Kühn et al., hg. v. OISS Österreichisches Institut für Schul- und Sportstätten im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Design: Viktoria Hohl, Klappenbroschur, 280 Seiten, Jovis, Berlin 2026