Mit The Eames Houses erkundet Eckart Maise die Wohnprojekte von Charles und Ray Eames, darunter sind auch bislang unveröffentlichte Entwürfe.
Sandra Hofmeister
Eckart Maise, The Eames Houses. Charles and Ray Eames Residential Architecture, Phaidon, London 2026 → jetzt bestellen
Pacific Palisades
“I first encountered it in the early 1960s, as a young architect traveling through the United States after my studies at Yale”, schreibt Norman Foster im Vorwort dieses Buches, “eager to see firsthand the buildings that were reshaping architectural thinking.” Schon geahnt, um was es geht? Ja genau, um das berühmte Wohnhaus von Charles und Ray Eames in Pacific Palisades, das Case Study House No. 8. Doch es bleibt nur eines von vielen Projekten, ob realisiert oder als Entwurf dokumentiert, an denen das Design-Ehepaar gearbeitet hat.
Charles and Ray near the entrance of their home, the Eames House, c. 1954. © 2026 Eames Office, LLC
Gemeinsam mit Eero Saarinen und Buckminster Fuller
Eckart Maise, Direktor der Eames Foundation in Kalifornien, hat ein Buch über all diese Häuser zusammengestellt, das den Titel Eames Houses. Charles and Ray Eames Residential Architecture trägt. Es beginnt mit den Case Study Houses 8 und 9, ursprünglich in Kooperation mit Eero Saarinen entwickelt, kommt dann auf drei Entwürfe für den Regisseur Billy Wilder und stellt die Forschung über das „Supermarket House“ vor – ein Projekt, das gemeinsam mit Richard Buckminster Fuller als Dome House entstehen sollte. Den Abschluss bilden zwei realisierte Projekte für die Eigentümer von Tigrett und Herman Miller, beide waren Hersteller von Eames-Produkten.
West facade of the Entenza House with hourglass emblem and kitchen entrance covered by canopy. © 2026 Eames Office, LLC. All rights reserved.
Vorfertigung, Systemgedanken
Zwischen die Kapitel dieses Buchs – sozusagen im Vorbeigehen – hat der Autor Überschriften eingestreut, die die Design- und Architekturgeschichte der Nachkriegsära erklären und den Kontext der Projekte verständlich machen. Stahlrahmenkonstruktionen, die Vorfertigung, Fragen des modernen Wohnens und der Systemgedanke werden aufgegriffen. Für die einzelnen Projekte aus den 1940er- und 50er-Jahren hat die Stiftung das Eames Archive geöffnet. Kein Wunder, dass die Vielfalt an Quellenmaterial, Fotos, Zeichnungen und neuen Aufnahmen in diesem Buch umwerfend ist. Einige Projekte waren noch nie zuvor veröffentlicht.
Ray’s paper collages explore compositions of materials, colors, and graphic patterns of the Eames House, 1948. © 2026 Eames Office, LLC.
Alles ist Architektur
Ein Zeitstrahl schlüsselt alle Ereignisse konkret auf, außerdem sind die Biografien von Charles und Ray Eames dokumentiert, und ihre Haltung ist überall im Buch präsent. „I was trained as an architect, but then our architecture, particularly at that time, was a great base for many kinds of things”, wird Charles Eames zitiert. In Filmen, Ausstellungen und vielen anderen Projekten lebt der Architekturgedanke der Eameses weiter. “I think it’s architecture. That’s what we draw all the time“, resümiert Eames.
Modulare Baukastensysteme
Im Frühjahr dieses Jahres präsentierten das Eames Office und Kettal auf dem Salone del Mobile einen modularen Bausatz, der die Eames-Idee wahr werden lässt: ein System, das serienproduziert werden kann und doch individuell bleibt. Vor dem Hintergrund dieses Pavillon-Systems und seines Launches auf der Messe in Mailand kann die Publikation bei Phaidon sicherlich als Hintergrundrecherche gelten.
Aus der Innensicht
Es gibt viele Bücher zu Charles und Ray Eames, aber dieses zeigt einen ganz neuen Aspekt: Es verkürzt das amerikanische Ehepaar nicht auf das Industriedesign, sondern stellt sie als Architekt dar, die an der Weiterentwicklung der Disziplin gearbeitet haben. Als Porträt zeichnet der Band die Haltung, Projekte und Überzeugungen der beiden klugen Gestalter sozusagen aus der Innensicht auf. Genau das macht dieses Buch wertvoll.