Baukästen sind mehr als Spielzeug: Sie spiegeln Architekturmoden und gesellschaftliche Ideale. Bevor Lego kam, produzierten über tausend Firmen Modellbausteine für Miniaturstädte. Das Buch 111 Architekturbaukästen feiert ihre Vielfalt.
Isabella Marboe, genau!
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111 Architekturbaukästen. Sammlung Klaus Krieger, 272 Seiten, Jovis, Berlin 2025 → jetzt bestellen
Bauen beginnt im Sandkasten. Friedrich Fröbel erkannte als Erster den pädagogischen Wert dieses Spiels. Der Erfinder des Kindergartens ordnete es 1840 in Bad Blankenburg: Aus einfachen geometrischen Formen konnten Kinder dreidimensionale Häuser bauen. Seither entstanden viele Baukästen.
Bâtiss-Baukasten No. 3, Firma Bâtiss, Frankreich, 1930er–1940er Jahre © Sammlung Claus Krieger
Elemente aus Holz, Stein, Kautschuk
„Baukästen werden hauptsächlich als solche vorgestellt. Dabei sind gerade die gebauten Modelle die Seele der Kästen“, schreibt Claus Krieger in 111 Architekturbaukästen. Zwischen 1880 und 1960 war die Vielfalt groß: Bauteile aus Holz, Stein, Kautschuk und Kunststoff hielten durch ihr Gewicht, Nuten, Noppen, Metallstäbe oder Klemm- und Stecksysteme zusammen. 1.200 Hersteller aus Deutschland, Österreich und der Schweiz verzeichnet Ulf Leinwebers Band Baukästen! Technisches Spielzeug vom Biedermeier bis zur Jahrtausendwende. Dann kam Lego mit einem leistungsfähigen Klemmsystem aus Spritzgusssteinen. Kleine Hersteller konnten nicht mithalten.
The New City – Ingenius-Baukasten, Ingenius Technische- und Handels-GmbH, Österreich, 1924 bis vermutlich 1929 © Sammlung Claus Krieger
Hingabe und Einfallsreichtum
111 Architekturbaukästen würdigt Originalität, Hingabe und Einfallsreichtum der Vorgänger. Krieger schätzt das „reglementierte Spielen“, das Konzentration, Geschicklichkeit und Fantasie verlangt. Sie spiegeln Werte, Ideologien und Architekturideale. Aus wenigen Elementen sollen möglichst viele Modelle entstehen.
Minibrix-Baukasten, Premo Rubber Co. Ltd., England, 1940er Jahre © Sammlung Claus Krieger
Geometrische Grundformen
Der älteste Kasten der Sammlung stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Dreiecke und Rechtecke passen in eine Nadelholzschachtel von nur 12 × 14 × 5 cm, lassen sich aber zu verschiedenen Bauten türmen. Der folgende Universal-Holzbaukasten bietet bereits ein stabileres Stecksystem. Frühe Exemplare zitieren historische Baustile, etwa ein spanischer Kasten aus den 1920er-Jahren mit bunt bedruckten Steinen.
Raumordnung-Baukasten, Norgut, Deutschland (Rheinland-Pfalz), 1970er Jahre © Sammlung Claus Krieger
Nut und Feder
In die Zukunft weisen die Wiener Ingenius-Baukästen der Architekten Wilhelm Kreis und Carl August Jüngst. Winkelstücke und Platten aus Holz werden mit Nut und Feder verbunden, verzapft und verkragt. Kreis hatte 1922–24 mit dem Düsseldorfer Wilhelm-Marx-Haus eines der ersten Hochhäuser geplant. Die Schachtel von „The New City“ erinnert an Fritz Langs „Metropolis“. Sieben Ausführungen gab es: „Populus“ umfasste 27 Teile, der zweitgrößte Kasten 1.000 Bauteile und zwölf Kilogramm, „New City“ sogar 3.000 Stück. Bis zu sechs Meter hoch konnten die Modelle werden.
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Plaspi – Der kleine Großblock-Baumeister, VEB Gothaer Kunststoffverarbeitung, DE (Thüringen), ca. 1980 © Sammlung Claus Krieger
Modellstädte
Stadtbaukästen bilden eine eigene Kategorie. Im NS-Staat setzten Kinder „Die alte deutsche Stadt“ mit Wehrmauern und Türmen zusammen. Auch Lübeck, Münsterberg, Stralsund und Jerusalems Altstadt wurden als Miniaturen nachgebaut. Hoffmanns handbemaltes Bauspiel birgt eine ganze idyllische Kleinstadt in einer Schachtel von 19 × 19 × 4 cm, Zweifel’s „Großes Dorf“ misst 44 × 36 × 11 cm. DDR-Baukästen feierten das urbanistische Potenzial des Plattenbaus. Bei „Unika“ sorgen bunte Balkonbrüstungen, Bäume und variierbare Dachformen für Heiterkeit. Das sowjetische Fabrikat „Junger Architekt“ kombiniert Einfamilienhäuser mit Gemeinschaftsbauten, Wohnriegeln und Zylindern zu einer Siedlung an einem kleinen Fluss.
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American Skyline-Baukasten, Elgo Plastics Inc., USA, 1950er–1960er Jahre © Sammlung Claus Krieger
Systembauweise und Wohnungsblock
Josef Dehms „Der kleine Baumeister“ von Idema stammt aus der frühen Nachkriegszeit. Seine Kunststoffsteine folgen den Proportionen jener Ziegel, mit denen die Elterngeneration Deutschland wiederaufbaute. Das Stecksystem ähnelt Lego, doch die kleinen Steine ließen sich nur mühsam voneinander lösen. In der DDR entstand zeitgleich „Der kleine Großblockbaumeister“: Während im Westen Ziegel und Einfamilienhaus prägend waren, standen im Osten Systembauweise und Wohnblock im Vordergrund. Weiße Platten wurden auf biegsame dunkelblaue Fertigteildecken gesetzt und hafteten mit Noppen. Im Ostblock verbreitet waren auch „Der Grossblock-Baukasten“, „Die neue Raumelemente-Bauweise“ und „mk – bauen mit 2 Elementen“ mit nur zwei Sorten biegsamer Kunststoffteile.
Der faszinierendste Kasten stammt aus Chicago in den 1960er-Jahren: „American Skyline No. 93 | 94“. Schlanke weiße Plastiksäulen werden in die Nuten von Fensterelementen geschoben und aufeinander gesteckt. So entstehen elegante Wolkenkratzer, die an Mies van der Rohe und Chicagos Hochhausarchitektur der Moderne erinnern.
Dieser Text von Isabella Marboe ist bei unserem Kooperationspartner genau! veröffentlicht.
Die Ausstellung 111 Architekturbaukästen ist noch bis 14.3.2027 im Museum für Angewandte Kunst Wien zu sehen.
111 Architekturbaukästen. Sammlung Klaus Krieger,
272 Seiten, 24,8 cm x 20,9 cm
Jovis, Berlin 2025, ISBN 9783986122744