Raimund Abraham war Architekt und Architekturphilosoph der österreichischen Nachkriegs-Avantgarde, die lautstark gegen die Konventionen opponierte. Seine Skizzen, Fragmente und Texte zeichnen sich durch den Protest als Haltung aus, es sind Utopien und visionäre Stadtmodelle. Die Ideenwelt Abrahams zeigt der zweisprachige Band Raimund Abraham: On Architecture. Texte und Skizzen, Thoughts and Sketches, erschienen im Kettler Verlag.
Florian Heilmeyer
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Raimund Abraham: On Architecture. Texte und Skizzen. Thoughts and Sketches, Egidio Marzona (ed.), Kettler Verlag, Bönen 2025 → jetzt bestellen
Raimund Johann Abraham (1933–2010) gehörte zu einer Generation, die mit Wucht und lautstarkem Protest einen Wandel wollte, eine andere Architektur als Ausdruck einer anderen Gesellschaft nach dem Zivilisationsbruch des Holocaust, an dem auch Österreich nicht unschuldig war. Zum Teil gemeinsam mit Pichler und Hollein entstanden Abrahams erste utopische und visionäre Zeichnungen und futuristische Stadtmodelle. 1967 folgte die gemeinsame Ausstellung Visionary Architecture der drei Architekten im Museum of Modern Art in New York.
Architekturphilosophie
Abraham war auch selbstgemachter Kosmopolit. Sein Vater war Kellermeister aus Südtirol, die Mutter stammte aus Osttirol und blieb Hausfrau, die sich um die Kinder kümmerte. Raimund Abraham entfloh dieser Enge, reiste nach dem Studium durch Deutschland, Belgien und die Schweiz, dann fünf Jahre lang mehrfach nach Mexiko. Bereits im Jahr seines Studienabschlusses 1958 hatte er einen internationalen Wettbewerb für ein Kulturzentrum in Leopoldville (heute Kinshasa) im Kongo gewonnen. 1964 schließlich lud ihn der Grazer Studienkollege Friedrich St. Florian ein, an der Rhode Island School of Design zu unterrichten. Abraham packte seine Sachen und wanderte aus, entwickelte sich rasch zu einem Architekturprofessor mit Lehraufträgen in der ganzen Welt und schließlich zum „Architekturphilosophen“, wie er oft genannt wurde. Harvard, Yale, Houston, London, Straßburg und Kopenhagen, schließlich ab den 1980er-Jahren wieder Graz und Salzburg waren einige Stationen seiner Lehrtätigkeit.
„Building is a process of thinking“
Viel gebaut hat er nicht. Sein bedeutendstes realisiertes Bauwerk ist das Österreichische Kulturforum (2002) in New York, das er selbst wegen des schräg auskragenden Theatersaals als „Guillotine“ beschrieb. Abraham hat oft betont, dass Architektur nicht unbedingt gebaut werden muss, mit Papier und Bleistift würde bereits Architektur entstehen – das Bauen sei nur der letzte Schritt des Denkens. „Building is a process of thinking“ lautete sein Credo.
Notizen, Gedichte, Fragmente
Genau so ist auch diese kleine, weitgehend rätselhafte Publikation aus dem Egidio Marzona-Archiv der Avantgarden im Kettler Verlag zu verstehen. In ungeordneter Reihenfolge finden sich hier Notizen, Gedichte, Statements, Ausschnitte aus Interviews und andere Fragmente, Skizzen und Schreibmaschinenblätter von Abraham abgedruckt. Sie seine, so steht es im Klappentext, „in der (Un-)Ordnung wiedergegeben, wie Raimund Abraham sie hinterlassen hat.“ Deutschen Texten ist eine englische Übersetzung beigegeben, die englischen Texte bleiben im Original.
Fliegen und reisen
So blättert man denn verwundert durch die Seiten und stellt fest, dass der kleine Spaziergang durch Abrahams Notate einen eigenen Reiz hat. Man stößt auf Skizzen eines „Vogelkäfigs für große und seltene Vögel“, auf nicht näher erklärte Studien eines Lageplans oder für ein „Haus in der Landschaft“, liest sich kurz in Gedankenfragmente zum Reisen, zum Fliegen, über die Stadt – oder über die Verwandlung eines Vogels: „Als der Pelikan merkte, dass seine Zuneigung mehr und mehr unerwidert blieb, war seine Metamorphose nicht mehr anwendbar. Er betrachtete staunend die Veränderung seines ihm bekannten Abbildes und hatte nur einen Wunsch: so schreiben zu können wie Pesoa.“
Erklärt wird einem hier tatsächlich nichts.
Raimund Abraham: On Architecture. Texte und Skizzen, Thoughts and Sketches
Egidio Marzona (ed.)
160 Seiten | 16,6 x 24 cm, de/en
Kettler Verlag
Bönen 2025
ISBN 978-3-98741-209-7