Die erste umfassende Monografie zur italienischen Architektin zeigt die schillernde Vielfalt ihrer Entwürfe – vom Punk bis zur Postmoderne – mit beeindruckenden Fotos und Zeichnungen.
Sandra Hofmeister
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Nanda Vigo. Interiors. The Metaphysics of Everyday Life. Nanda Vigo Interni. La metafisica del quotidiano, Silvia Groaz (ed.), Englisch, Italienisch, hardcover, 496 Seiten, Birkhäuser, Basel 2026 → jetzt bestellen
Es gibt ein Foto von Nanda Vigo aus den frühen 60er-Jahren. Dort steht sie auf einer Party in Rom mit einem glitzernden Kleid, das vorne dreimal vertikal aufgeschlitzt ist. Der Künstler Lucio Fontana hat es gestaltet. Nanda Vigo trägt es lächelnd, die Augen mit langem Lidstrich geschminkt, die blonden Haare auftoupiert. Die Mailänder Architektin gehörte zur Avantgarde, die den Rationalismus hinter sich ließ und sich auch in Gruppen wie Superstudio oder der deutschen Künstler Zero formierte, der Nanda Vigo zeitweise angehörte.
“She-ra move on..Domestic ritual”, stand for the event Abitare il tempo – Giornate internazionali dell’arredo classico, Verona, 1989 © Comune di Milano, CASVA – Archivio Nanda Vigo
Mailand in der Nachkriegszeit
Der englische und italienische Band „Nanda Vigo Interiors. Nanda Vigo Interni“, herausgegeben von Silvia Groaz, deckt das Umfeld Nanda Vigos mit großer Sorgfalt auf: Die Innenraumgestaltungen von Joe Colombo und Gio Ponti, Ettore Sottsass und klassische Möbelentwürfe bilden die Folie, auf der das Werk der Architektin dargestellt wird. Eine Berg- und Talfahrt vom Space Age bis zum Minimalismus und zur Postmoderne.
Casa Viola, Casa Nera
Es gibt nicht viel Literatur zu Nanda Vigo – umso wichtiger ist diese umfassende, fast 500 Seiten fassende, zweisprachige Monografie. Reich bebildert mit Skizzen, Fotos und Porträts der Gestalterin zeigt sie neben dem Textteil großformatige Fotos, die psychedelische, dunkel schillernde Interiors, präzise Zeichnungen und Briefe abbilden. Farben haben im Werk von Nanda Vigo eine herausragende Rolle gespielt – in der Casa Viola strahlt die Kunst von Enrico Castellani von den fliederfarbenen Wänden. Die Casa Nera – das Schwarze Haus – entpuppt sich als eine Art Spiegelkabinett mit hinterleuchtetem Boden.
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“A beatle under the leaf”, private house for Giobatta Meneguzzo, with Gio Ponti (structure), Malo, Vicenza, 1964-1969 © photo: Adam Štech, 2017
Werkkatalog
Viele der Interiors von Nanda Vigo hatten – wie die meisten Innenraumgestaltungen – keine lange Lebensdauer. Umso wertvoller ist der Werkkatalog, der die Entwürfe mit Fotos dokumentiert. Die Designsprache Vigos – kräftige Farben und spiegelnde Flächen – hat der Berliner Grafiker Floyd E. Schulze auf die Buchgestaltung übertragen. Dünnes Hochglanzpapier, silberner Vorsatz und ein knallpinkes Glossy-Cover für den großen Buchblock.
Entwurfstalent und Überraschungen
Die perspektivischen Zeichnungen Nanda Vigos – kleine Studien von Innenräumen, die Farbkonzepte und Dekorationen modellhaft darstellen – gehören mit zur schönsten Entdeckung in diesem Buch, das voller Überraschungen steckt. Dazu die Texte von Vigo – kurze Gedichte, die persönliche Eindrücke festhalten und Entwürfe skizzenhaft erläutern.
Apartment for Riccardo Princivalle, Verona, 1985 © Comune di Milano, CASVA – Archivio Nanda Vigo
Postmoderne
In den 1980er-Jahren hat Vigo eine Designsprache umgesetzt, die wie das Apartment für Riccardo Princivalle in die postmoderne Welt entführen – eine Welt, die Zitate der Vergangenheit großer Ironie ausspielt. Goldene Badarmaturen, filigrane Metallverzierungen an Möbeln und Schränken … Blendarkaden im Wohnzimmer. Vigo gestaltete nicht nur einzelne Zimmer, sondern sie verwandelte die gesamte Wohnung in eine postmoderne Raumabfolge, die wie ein Filmset wirkt.
“Checkerboard House – Blue habitat II”, apartment at Politecnico for Ezio Minoli, with Franco Fiorio, Milan, 1968 © photo: Carla de Benedetti, 1970
Spiegel, Metalle, Neon
Licht und Metalle, schillernde spiegelnde Oberflächen und Neon waren Nanda Vigos Gestaltungsmaterialien. Mit der Monografie schließt sich eine Lücke in der Designgeschichte, die allzu einfach auf die männlichen Kollegen wie Ettore Sottsass geblickt und weibliche Protagonistinnen vernachlässigt hat. Im Jahr 2020 ist Nanda Vigo mit 83 Jahren gestorben – es wird Zeit, dass diese schillernde Gestalterin international gewürdigt wird, und diese Monografie ist ein wichtiger Anfang.