Das Wiener Museumsquartier (MQ) feiert sein 25-jähriges Jubiläum mit der Ausstellung Vision und Widerstand. Wie das Museumsquartier Wien veränderte. Natürlich gibt es dazu auch einen Katalog.
Isabella Marboe, genau!
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Vision und Widerstand – Wie das MuseumsQuartier Wien veränderte, Czernin Verlag, Wien 2026 → jetzt bestellen
Das Wiener Museumsquartier (MQ) zählt heute zu den erfolgreichsten Kunst- und Kulturareal. Sein Start aber verlief mehr als holprig: 1980 brachten die damalige Kulturministerin Herta Firnberg und der damalige Kulturstadtrat Helmut Zilk erstmals die Idee eines Zentrums für Kunst und Kultur auf, seine Umsetzung sollte noch mehr als zwanzig Jahre dauern. Am 29. Juni 2001 wurde das MQ eröffnet, längst ist es auch eine Art öffentliches Wohnzimmer. Zum 25jährigen Jubiläum gratuliert sich das MQ mit der Ausstellung „Vision und Widerstand. Wie das MuseumsQuartier Wien veränderte“. Sie spannt einen weiten Bogen von der Vergangenheit zur Zukunft.
Johann Bernhard Fischer von Erlach Prospect des Grossen Neuen Kaysl. Stalls, 1721, Wien Museum
Leseturm hinter den Hofstallungen
„Das größte kulturelle Bauvorhaben der Republik drohte lange, an Kleinmut und Gezänk zu scheitern“, schreibt Kurator Andreas Nierhaus im Katalog. Bereits 1986 wurde die erste Stufe des Architektenwettbewerbs ausgeschrieben, ein Jahr später stand das Siegerprojekt der Brüder Laurids und Manfred Ortner fest. Sie platzierten einen 67 Meter hohen Leseturm als sichtbares Zeichen am Rand des Hofs. Denn das MQ musste man hinter den Fassaden der einstigen Hofstallungen erst finden.
L.O.M.O., Manfred Ortner, Leseturm, 2020, Pastellkreide, 232 × 158 cm
Kritik und Debatte
Am „Leseturm“ erhitzten sich die Gemüter, die Entstehung des MQ war von einem beispiellosen medialen Schlagabtausch begleitet. In der Kronen Zeitung erschienen 1992 Fotomontagen mit dem Umriss des geplanten Projekts. Ein Jahr später zeigte die Krone eine Zeichnung von Dogenpalast und Markusdom in Venedig, dahinter den Leseturm. Nicht ganz, aber fast so hoch. „Monsterprojekt zerstört Wien“ stand darunter. Ein Titelblatt des „Falter“ hingegen ziert ein Foto von Laurids Ortner mit einem „Lächeln des Siegers.“
Ausstellungsansicht „Vision und Widerstand“, MQ Freiraum, 2026 © MuseumsQuartier Wien, Foto: Thomas Meyer
Ein Ort für Utopien
Andreas Nierhaus ist ein Experte für Bernhard Fischer von Erlach. Diesem Wissen verdankt der Katalog einen spannenden Exkurs in die Architekturgeschichte. 1721 zeichnete Fischer von Erlach einen Idealentwurf für die kaiserlichen Hofstallungen, der immer Utopie blieb. 1869 drängte der Entwurf des „Kaiserforums“ von Carl Hasenauer und Gottfried Semper mit den imposanten Großmuseen die Reitstallungen ins Abseits. Immer wieder gab es Ideen für repräsentativere Neubauten. Otto Wagner zeichnete aus eigenem Antrieb ein Projekt, auch dessen Schüler Hans Mayr und Josef Hannich bearbeiteten die ehemaligen Hofstallungen. Der gigantomane Entwurf eines „Sühnedenkmals“ von Rudolf Perco von 1918 lässt den Leseturm direkt niedlich erscheinen.
Der amputierte Architekt © Ironimus
Offen für Veränderung
Sehr viel Raum nimmt der Wettbewerb zum MQ ein, von dem auch Beiträge anderer Teilnehmer – unter anderem Hans Hollein, Ernst Hiesmayr und Oswald Matthias Ungers – zu sehen sind. Dabei fällt auf, dass die Ortners als einzige ihr streng gerastertes, noch turmfreies Projekt der ersten Stufe in der zweiten Stufe nicht nur überarbeiteten, sondern so gut wie neu planten. Sie waren auch die einzigen, von denen die Kunsthalle erhalten und nicht abgerissen wurde. Mit ihrem sehr leichtfüßigen Entwurf aus einzelnen Baukörpern, die einen lebendigen, urbanen Platz definieren, gewannen sie 1990 den Wettbewerb. Auf dem Weg zum heutigen MQ veränderte sich das Raumprogramm mehrfach, ging dem Projekt der Leseturm abhanden und machte es mehrere Mutationen durch. Für Veränderungen offen zu sein, zählt bis heute zu seinen größten Qualitäten.
© MuseumsQuartier Wien, Foto: Thomas Meyer
Libelle auf dem Dach
Im Jahr 2020 konnten Ortner & Ortner doch noch ein Zeichen setzen und den Pavillon der Libelle am Dach des Leopold landen lassen. Seit 2023 werden Höfe und Freiflächen nach Plänen von Landschaftsarchitektin Anna Detzlhofer immer grüner. Künftig soll auch das Haus der Geschichte im MQ heimisch werden. Den Wettbewerb dazu haben Ortner & Ortner gewonnen.
Dieser Text von Isabella Marboe ist zuerst erschienen in genau!
Vision und Widerstand – Wie das MuseumsQuartier Wien veränderte
Mit Textbeiträgen von Verena Jakoubek-Konrad, Andreas Nierhaus, Ernst Strouhal und Thomas Trenkler
240 Seiten, 22 x 28 cm
Czernin Verlag, Wien 2026
ISBN: 978-3-7076-0910-3